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Februar 2010

Hallo Miller, danke dass Du Dir für uns Zeit nimmst. Du hast gerade eine tolle neue Live Doppel CD mit dem Titel "From Lizard Rock" am Start. Was soll dieser eigenartige Titel denn bedeuten?

Ich bin vor einiger Zeit zurück in meine schottische Heimat gezogen, genau genommen auf eine kleine Insel vor der schottischen Küste. Und dort gibt es einen Felsen in Form eines Reptils, eines Krokodils, um genau zu sein. Und da die meisten Songs in den letzten Jahren dort entstanden sind, habe ich mir gedacht, dass dies eigentlich ein passender Titel sei.

Du hast jetzt eine sehr frische, unverbrauchte Band mit einem Engländer, der in Deutschland lebt und einem Keyboarder und einem Schlagzeuger aus der deutschen Stadt Fulda. Wie bist Du an diese Musiker gekommen?

Ich war eingeladen, für die Platte "Hotel Eingang" von Chris Farlowe die Gitarrenparts einzuspielen, und dort wurden mir diese Musiker empfohlen. Seitdem spielen wir zusammen und es passt sehr gut. Der Schlagzeuger ist allerdings erst seit vier Auftritten dabei.

Hat sich die Setlist bei euren Auftritten seit "From Lizard Rock" verändert?

Nicht wirklich. Wir spielen grundsätzlich immer noch das gleiche Repertoir, das vornehmlich aus Songs meiner Soloplatten und ganz alten Keef Hartley Band Songs besteht. Dazu ein paar Bluesstandards und einige Nummern von Savoy Brown. Derzeit spielen wir noch den Titel Boogie Brothers aus meiner Phase mit Kim Simmonds.

Dein erstes Soloalbum ist bereits 1971 erschienen. Für das zweite Album hast Du dann fast dreißig Jahre benötigt. Woran hat das gelegen?

Ich war zwischendurch mit vielen Bands und Projekten beschäftigt, habe vor allem in den 80er und 90er Jahren ständig mit der Spencer Davis Group gespielt. Da blieb fast keine Zeit. Und dann hat sich Ende der 90er Jahre Frank Diez bei mir gemeldet und gesagt, ich solle doch mal wieder ein Album machen. Er hat dann die Musiker versammelt, unter anderem meinen Freund Colin Hodgkinson (ex-Alexis Korner, ex-Whitesnake), und wir haben dann alles bei Peter Maffay im Studio eingespielt. Und seitdem bringe ich immer mal wieder eine Platte raus.

Warum bist du bei der Spencer Davis Group ausgestiegen?

Ausgestiegen ist vielleicht nicht das richtige Wort. Spencer ist derzeit sehr viel mit den Animals unterwegs und da war ich unterbeschäftigt. Darum habe ich mir wieder etwas Arbeit gesucht. Außerdem haben wir mit Spencer Davis fast nur live gespielt und keine nennenswerten Aufnahmen gemacht. Für Musiker wie uns waren die letzten 20 Jahre nicht einfach.

Du hast mit unglaublich vielen Rock- und Blueslegenden zusammengespielt und Platten aufgenommen. Was waren deine kostbarsten Momente in dieser Zeit?

Ganz eindeutig die Zeit mit der Keef Hartley Band. Diese Truppe war etwas ganz besonderes. Kein anderer hat solche Musik gemacht. Außerdem haben wir damals ganz viele von meinen Songs aufgenommen.

Glaubst du, dass sich deine Karriere und die der Keef Hartley Band anders gestaltet hätte, wenn ihr im Woodstock Film gezeigt worden wärt und auf den Woodstock LPs erschienen wärt?

Ganz bestimmt! Wir hatten damals einen unmöglichen Manager, der uns noch nicht einmal gekannt hat. Der hat einmal mit mir gesprochen und geglaubt, ich sei Keef Hartley! Das musst du dir einmal vorstellen! Und dann waren wir in Woodstock und da war dieser Typ von der Filmcrew, dem ich gerade erklärt habe, wie unsere Songs aufgebaut sind, damit die genau wussten, wann sie welchen Solisten in Nahaufnahme zeigen müssen. Und dann kam unser Manager dazu und fraget: "Worüber redet ihr da?" Und ich sagte, dass dies ein Filmteam sei, das Aufnahmen von uns machen möchte für einen Kinofilm über das Festival. Und unser Manager sagte: "Meine Band filmt ihr nicht!" "Aber wir haben auch das okay von The Who, Jimi Hendrix, Janis Joplin und allen anderen", sagte der Filmemacher. "Das ist mir egal, die Keef Hartley Band filmt ihr nicht!" Daraufhein warf der Filmemacher (ich glaube es war Martin Scorses!) seine Notizen weg und das war’s! Alle Bands, die im Woodstock Film gezeigt wurden, haben hinterher riesige Umsatzsteigerungen gehabt - wir allerdings nicht. Heute weiß kaum noch jemand, dass wir samstags überhaupt dabei waren!

Habt ihr dort andere Weltstars getroffen?

Kaum, nur John Sebastian von den Lovin' Spoonful und ein paar andere, die am gleichen Nachmittag gespielt haben, aber wir wurden ja wegen des Verkehrschaos mit dem Hubschrauber eingeflogen und mussten auch wegen des engen Flugplans relativ schnell wieder weg. Außerdem waren wir schon um 17 Uhr bei Sonnenschein dran, was jetzt auch keine optimalen Bedingungen für eine Rockshow sind. Woodstock war übrigens unser allererster Auftritt in den USA. Und wir hatten überhaupt keine Ahnung, ob das ein Clubgig oder ein Festival sein würde. Du kannst dir vorstellen, wie überrascht wir waren, als wir die Menschenmassen gesehen haben...

Hast du noch Kontakt zu Keef? Was macht der eigentlich?

Keef hat sich bereits vor vielen Jahren ziemlich frustriert aus dem Musikgeschäft zurückgezogen. Das ist sehr schade, denn er hatte einen verdammt guten Shuffle Groove drauf.

Hattest du nicht einmal ein Angebot, bei Deep Purple einzusteigen?

Nein, aber ich kenne einige aus der Band sehr gut. Ich habe lediglich bei der Orchestersache ein paar Nummern mit Jon Lord eingespielt. Außerdem wäre das auch nicht meine Art von Gitarrenspiel. Schau dir einmal einen Gitarristen wie Steve Morse an: Der kann alles spielen was er will. Der ist soviel technisch versierter und viel schneller als ich. Ich kann eigentlich gar nicht wirklich schnell spielen.

Das ist ein Eindruck, dem ich mich nicht wirklich anschließen kann. Du hast eben einen anderen Stil, der mehr vom Herzen her kommt und weniger technokratisch ist. Beim Gitarrespiel kommt es doch mehr auf den Ausdruck an als auf die Technik. Die hat für mich ausschließlich dienende Funktion!

Wo du das sagst...Ich habe bei der Tour mit Deep Purple einmal da gesessen und auf einer Gitarre Blues und Folk Songs gespielt und Steve Morse hat mir ganz konzentriert auf die Finger geschaut. Das hat mich etwas nervös gemacht, weil er ein technisch unglaublich guter Gitarrist ist. Und anschließend hat er mich gefragt: "Wie machst du das? Wie spielst du diese Songs?" Zunächst habe ich gedacht, er will mich auf den Arm nehmen...Ein Gitarrist wie er! Doch dann erwiderte er: "Nein ganz ehrlich… Wie erreichst du es, dass alles was du spielst so...echt klingt?" Und ich galube, das ist der Unterschied zwischen Gitarristen wie ihm und mir…

Das habe ich mir auch schon länger gedacht. Mir sind Gitarristen wie du oder Stan Webb auch 100mal lieber als diese Technikfricklerfraktion.

Oh ja, Stan...Stan ist ein toller Gitarrist. Er spielt direkt mit dem Herzen. Der weiß selbst überhaupt nicht was er tut! Der spielt einfach. Ab und zu hat er natürlich das Pech, dass es an einem schlechten Tag dann auch schlechtes Gitarrenspiel ist. Aber meistens ist er Weltklasse und nicht zu imitieren. Das kommt alles direkt aus seiner Seele!

Bei Savoy Brown war neben Stan und dir auch noch ein dritter Gitarrist...

Oh ja, klar doch, Kim Simmonds. Welch ein toller Gitarrist. Er überlegt sich im Gegensatz zu Stan immer ganz lange im Voraus, was er spielen möchte, probiert dann sehr viel aus und übt unglaublich viel.

Ich habe ihn auch immer als Ästheten und Gentleman unter den Bluesgitarristen erlebt...

Ja, genau so kann man das ausdrücken.

Wer hat dich denn in deiner musikalischen Entwicklung beeinflusst?

Nun, das waren die üblichen Verdächtigen: Alte Bluesmen, die erste Generation von Rock'n'Rollern. Später kamen dann noch Leute wie Bob Dylan, Neil Young, James Taylor etc. Von Bob Dylan ist auch die letzte CD, die ich mir gekauft habe. Anfangs hat sie mir gar nicht gefallen, aber mittlerweile bekomme ich die gar nicht mehr aus dem CD-Player im Auto. Das geht mir oft so. Als die Beatles herausgekommen sind habe ich mir gedacht: "Um Gottes Willen, was soll an denen gut sein? Meine Band in Schottland ist viel besser als die…" Aber heute sehe ich das anders. Die hatten wirklich eine große Vision und waren etwas Besonderes. Und das meine ich nicht nur wegen Lennon und McCartney. Die beiden anderen waren für den Gesamtsound genauso wichtig. Selbst Ringo, er hat eben Lieder ganz anders begleitet, als alle anderen Drummer…

Vielleicht, weil er das nicht spielen konnte, was die anderen gespielt haben...?

(lacht) Ja, vielleicht. Aber was ich sagen wollte ist, dass auch er mit seinem Spiel zum Gesamtkonzept der Beatles beigesteuert hat.

Du hast die frühen Rock'n'Roller erwähnt…Etwa auch Elvis? Außer den Sun Aufnahmen kann man ihn doch als Rock'n'Roller glatt vergessen, oder?

Das sehe ich ganz ähnlich. John Lennon wurde am Tag, an dem Elvis starb, von einem Reporter auf diesen angesprochen und er hat geantwortet: "Elvis starb bereits an dem Tag, als er zur Army gegangen ist!" Und da ist was dran. Und schau dir mal all seine grauenhaften Filme an...Da waren die Beatlesfilme schon besser, die waren ähnlich anarchisch wie später die Sachen von Monty Python, mit denen die Beatles ja auch befreundet waren.

Noch eine letzte Frage: Wenn du die Möglichkeit hättest, dich nachträglich als Gitarrist auf einer Platte der Rockgeschichte unterzubringen: Welche Platte würdest du auswählen?

Puuh, das ist eine schwierige Frage. Aber ich glaube, das wäre von Neil Young "Everybody knows this is nowhere", weil man zu diesen Songs so unglaublich gut mitspielen kann. Oder aber von Bob Dylan "Blonde on blonde".

Vielen Dank für dieses wundervolle Interview. Und noch viel Erfolg auf der Tour!

Vielen Dank, es war mir eine Freude!






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