Konzerte

Rock im Park 2003

06.Juni bis 08.Juni 2003

Der Ärger fing eigentlich schon an, als ich mich dazu entschlossen hatte, zu RIP zu gehen. Da zieht man aus dem Rhein-Main-Gebiet nach Nürnberg und muss, statt wie im letzten Jahr 87 Euro plus Camping und Parken extra für eine Innenraumkarte dieses Jahr satte 104 Euro für ein Inklusivticket latzen. Dazu kommt dann noch - man denkt ja ökologisch- der Fahrpreis für den ÖPNV (in meinem Fall 9,30 Euro). Danke - zum ersten - MLK!

Am Frankenstadion angekommen stellt man sich brav an der Hauptkasse an um sich sein Armbändel abzuholen. Das hatte ich dann auch - nach fast zwei (!) Stunden anstehen. Zwei Stunden deshalb, weil sich auch diejenigen, dich sich seit Donnerstag Mittag ihr Armbändel an einer der Nebenkassen geholt hatten, ihr CTS-Ticket noch gegen die schicke schwarze Festivalkarte eintauschen mussten, die sie aber nur an der Hauptkassen kriegen konnten. Danke- zum zweiten - MLK!

Also hatte ich nach zwei Stunden endlich mein Armbändel, da verlangt die nette Dame an der Kasse noch mal fünf Euro - Müllpfand. Ausnahme nur für Einwohner Nürnbergs - ich hatte meinen Ausweis klugerweise Daheim gelassen. Das hieß dann entweder nach Hause fahren, den Ausweis holen, bis Montag 10:00 Uhr Müll sammeln bis die beiden Säcke halb voll sind oder auf die zehn Euro pfeifen. (Es gibt auch Besucher, die bei Freuden oder im Hotel übernachten, oder z.B. Studenten, die nur mit Zweitwohnsitz in Nürnberg gemeldet sind.) Danke - zum dritten - MLK bzw. Stadt Nürnberg!

Fair von MLK war allerdings, dass diejenigen, die nur wegen Linkin Park kommen wollten, ihr Ticket zurückgeben konnten, und dafür das komplette Eintrittsgeld zurückbekommen haben. (lt. AGB ausgeschlossen)

Den Einlass hinter mir nun vor der Frage, was wo wann anschauen. Da ich ein sehr lauffauler Mensch bin, habe ich mich dazu entschlossen das Centerstage Programm von vorne bis hinten durchzuhören, es warteten ja schließlich einige Bonbons auf mich.

BoySetsFire:

Die fünf Jungs aus Delaware hab ich leider durch das Chaos an der Kasse verpasst.

Disturbed:

Soundmäßig war es bis auf die etwas seltsam klingenden Drums in Ordnung. Auch wenn die vier Amis keine Riesenshow ablieferten, so haben sie es doch verstanden für die recht frühe Uhrzeit eine tolle Stimmung in das weite Stadionrund zu zaubern.

Queens Of The Stone Age:

"Klar ist: Im Studio haben die Burschen Höchstleistung gebracht und nichts anbrennen lassen. Wenn sie live noch eine Schippe drauflegen, dann brennt die Hütte." Legten Sie leider nicht; irgendwie hatte ich das Gefühl, dass die vier da vorne recht unmotiviert auf der Bühne rumstanden (allen voran Sänger Mark Lanegan). Nicht das sie technisch einen schlechten Job gemacht hätten, die Mucke klang wirklich gut und war toll ausgesteuert, aber der Funke erlosch noch auf der Bühne.

Deftones:

Chino Moreno und seine Mitstreiter haben verstanden worum es geht. Die Show die die fünf Kalifornier ablieferten war klasse, auch wenn man zwischendurch Angst haben musste, dass Moreno sich in seinem Mikrokabel verheddert und von der Feuerwehr rausgeschnitten werden musste. Soundmäßig gab es zwei kleine Dinge zu beanstanden: Insgesamt waren für meinen Geschmack zu viele Bässe und zu wenig von Frank Delgano an den Turntables zu hören, wenn der überhaupt auf der Bühne war; er hatte einige Liedchen eine kreative Schaffenspause eingelegt und sich dann nach hinten verzogen.

Marilyn Manson:

Mit einer Viertelstunde Verspätung begann ein minutenlanges Intro, mit dessen letzten Takt dann aber auch alle Zweifel(er) verstummt waren. Das Warten hatte sich wirklich gelohnt; das Publikum wurde mit einer Spitzenshow verwöhnt, sowohl optisch als auch akustisch. Wenn auch MM selbst nicht mehr so "shocking" ist wie früher, dann haben die beiden Tänzerinnen diesmal zugeschlagen. Die "Dessous" die sie anhatten, haben auf der Latexoberfläche originalgetreu wiedergegeben was sich darunter verbarg. Zum Brüllen komisch auch MM im letzten Teil mit Micky-Maus-Ohren.

Metallica:

Neues Album! Neuer Bassist! Neuer, Alter Sound? Jenerwelcher kam jedenfalls mächtig brachial daher. Das vorher von dem Quartett versprochene Rockgewitter war es jedenfalls auch, im Wesentlichen mitverantwortlich dafür: Rob Trujillo. Sein Auftritt ist vom Posing beim Spielen her sehenswert. Ansonsten ist die Show schnörkellos aber ... BOOM! Bei 'One' hat der Pyrotechniker ebenso wie beim 'Harvester Of Sorrow / Blackened'-Medley alle Hände voll zu tun gehabt; und auch sonst sparten sie nicht mit Feuer(werk). Bei der Songauswahl bestätigte sich: "Load"? "ReLoad"? Don't Load!! Die vier haben (nur) zwei Titel von der aktuellen Scheibe gespielt ('St. Anger', 'Frantic'), ansonsten nur Songs aus den "Pre-Load-Days". Kein Schritt zurück, sondern ein sich wieder aufs Wesentliche konzentrieren nach den zahlreichen stilistischen Ausflügen: Auf feinsten Thrash Metal ohne Experimente!

Der Top-Act des Wochenendes!



Murderdolls:

Irgendwie klangen die fünf Kalifornier recht thrashig und unharmonisch ausgesteuert, doch das war denen, die schon da waren egal, abfeiern und fertig.

The Donnas:

"Ehrlich abrocken" war hier das Motto, was sich vor allem die Drummerin zu Herzen genommen hat. Sie hat mich tierisch an den Schlagzeuger aus der Muppet Show erinnert. Die vier Mädels klangen richtig gut, haben Spaß gemacht und eine richtig klasse Stimmung erzeugt.

Lifehouse:

Lifehouse machen gute Mucke, keine Frage, aber mitreißende Stimmung kam während des Auftrittes der vier Kalifornier nicht auf. Aber Ihnen geht es auch eher darum eine ernsthafte Botschaft rüberzubringen.

Maná:

In Mexiko hat die hier noch weitgehend unbekannte Combo bereits Superstarstatus erreicht (Sie haben immerhin 'Corazon Espinado' auf Santanas Megaseller "Supernatural" "verbrochen"). Warum war klar ersichtlich: die Latino-Rocker haben eine Supershow hingelegt und eine Riesenstimmung ins Stadion gezaubert. Mit vollem, sattem Sound haben sie rundherum für "spontanes Herumzappeln" gesorgt. Seltsam nur der Drummer: er steht neben seiner Burg und klatscht in die Hände, von irgendwoher erklingen aber immer noch Drumsounds!?

The Cardigans:

Sie hatten es schon verdammt schwer die Cardigans, nach den fetzigen Latino-Rhythmen von Maná und in der Erwartung von Iron Maiden die Fans zwischendurch mit melancholisch angehauchtem Folkpop zu überzeugen ist meines Erachtens definitiv unmöglich. Dabei hätte es so gemütlich werden können mit dem Wohnzimmer auf der Bühne (ungelogen, sogar mit Kronleuchter, es fehlte nur noch die Couch). Die Schweden haben zweifelsohne gute Musik gemacht, nur waren sie leider zum falschen Zeitpunkt angestetzt.

Zwan:

Noch ein Musiker, der sich 9-11 zum Anlass genommen hat, seine Musik zu beeinflussen. Billy Corgan (ex-Smashing Pumpkin) wollte danach nur noch gute-Laune-Pop machen. Leider hatte auch Zwan unter Iron Maiden zu leiden, richtig gute Laune kam nicht auf, auch weil die fünf dicht beieinander und ziemlich still und die Bassistin obendrein noch die meiste Zeit mit dem Rücken zum Publikum auf der Bühne rumgestand(en).

Iron Maiden:

Endlich! Iron Maiden! Allein der Bühnenaufbau ist es wert eine Iron Maiden-Show zu sehen, abgesehen von Eddie und Bruce. Neben dem glasklaren, kraftstrotzenden Sound fordern sie dem Beleuchter Höchstleistung ab. Und mal eine ganz andere Art der Promotion. Vor einem der recht zahlreichen neuen Songs sagte Bruce Dickinson: "Wer hat Audioaufnahmegeräte dabei? Haltet Sie hoch! Schaltet sie ein! Nehmt es auf, gebt es an eure Freunde, stellt es ins Internet! Is' mir scheißegal, solange ihr im September unser neues Album kauft." Bei 'Clansman', einem Stück eben dieser neuen Platte ist Eddie auf der Leinwand im Hintergrund als Mel-Gibson-Braveheart-Verschnitt zu sehen. Der Song kommt zwar für den Soundtrack zu Braveheart eine ganze Ecke zu spät, but really kicks ass! Alles in Allem boten Eddie und Co. in den zwei powergeladenen Stunden die beste Show des Festivals.



Emil Bulls:

Für den ersten Gig des Tages waren die Münchner bei ihrem "Fastheimspiel" perfekt ausgesteuert. Die Bullen lieferten eine 1a-Show ab, die überall spontanes Kopfnicken zur Folge hatte. Die ganze Sache hatte nur einen Fehler: Sie waren viel zu früh dran, hätten meiner Meinung nach einen wesentlich späteren Startplatz verdient gehabt.

Ministry:

Wer seine Musik mit Bildern aus dem 2.Weltkrieg (und diversen anderen bewaffneten Konflikten) untermalt und 45 (!) Euro für ein einfarbiges Nur-Schriftzug-Longsleeve verlangt, über den enthalte ich mich meiner Meinung!

Apocalyptica:

Der erste kurfristige Line-Up-Change des Tages war ein Riesengewinn. Eigentlich sollten an dieser Stelle Don't Try This @ Home feat. Steve O. from Jackass kommen, aber so war es definitiv besser. Passend zum Namen sorgten die drei Finnen mit Aushilfsdrummer fürs gleichnamige Wetter, mit erbsengroßen Regntropfen. Doch zurück zur Musik: Man hätte alle Musiklehrer der Welt einladen sollen, um ihnen zu zeigen, dass und wie man einen Haufen junger Leute mit klassischen Instrumenten begeistern kann, nein sie haben mehr als das geschafft. Und wer jetzt denkt, weil man Cellos normalerweise im Sitzen bedient, kommt keine Show zustande, der irrt gewaltig. Buchstäblich zum von den Sitzen reißend. Zusammen mit Evanescence der beste Nicht-Headliner-Act.

Nach dem Regenguss wurde für alle folgenden Umbaupausen ein neuer Sport erfunden: "Extreme Kotzbrühe-Surfing". Auf dem nur mit Planen ausgelegten Teil des Innenraums sorgten einige ganz verrückte für einen regelrechten Hype, indem sie mit kräftig Anlauf auf dem Bauch oder Hintern, einer sogar splitternackt, in der Wasser-Bier-Kippenstummel-Kotze-Brühe rumschlitterten; und ließen sich richtig feiern. Apropos Umbaupausen: nervig waren die Bayern 3-Moderatoren mit ihrem oktroyierten RIP03-Motto "Es gibt nur ein Gas,.... Vollgas", das sie nach jeder Ankündigung der nächsten Band zum Besten geben mussten.

Stone Sour:

Bei den fünf Jungs aus Iowa ging es richtig zur Sache: knackiger Sound und tolle Show, vor allem von Sänger Corey Taylor. Ich fand sie aber eine ganze Ecke härter als sie angekündigt waren, als Hardrocker nämlich. Die besten unter den "Krachmachern", nicht zuletzt auch wegen der gefühlvollen Ballade am Schluss.

Evanescence:

Das Mädel und die drei Jungs aus Bill Clintons Nachbarschaft in Little Rock hatten den minimalistischsten Bühnenaufbau, den ich je gesehen habe. Nur zwei, drei Monitore und nicht viel mehr an zusätzlichen Lautsprecherboxen. Schade war nur, dass die Stimme von Amy Lee in dem vollen, satten Sound teilweise unterging, wenn sie nicht ins Mikro kreischte. Die vier lieferten insgesamt eine klasse Show ab, auch weil die Kommunikation mit dem richtig toll war. Wie schon gesagt, mit Apocalyptica zusammen der beste Nicht-Headliner-Act.

Audioslave:

Aus zwei mach eins, und was gut war wird noch besser. Rage Against The Machine mit neuem Sänger, oder Soundgarden mit neuen Musikern? Man hört beides raus, und doch ein ganzes Stück eigenständiges Audioslave. Sie waren der heimliche Headliner des Abends (Sorry, Placebo-Fans). Mit ihrem fetten Sound sorgten Chris Cornell und Co. für eine Riesenstimmung und mehr als nur Kopfnicken. Cornell tat sogar noch ein gutes Werk: Ein Morello-Fan mit einem "Morello is the best"-Schild, der auf der falschen Seite der Bühne stand ("Morello is always on that side!"), wurde vom ihm auf die Bühne geholt, durfte sich von seinem Idol herzen lassen und wurde dann wieder auf die richtige Seite der Bühne in die erste Reihe platziert.

Placebo:

Sie konnten einem irgendwie Leid tun, weil sich das Stadion im Verlauf ihres Konzertes ganz schön leerte. Dabei hatten sie das eigentlich gar nicht verdient. Aus dem rundherum harmonischen Sound ragte der Sänger zwar etwas heraus, aber ansonsten war ihre Show klasse, auch beleuchtungstechnisch. Sie wirkten ein wenig verloren und in die Mitte der Riesenbühne gequetscht, dafür wurde die Stimmung im Verlauf des Gigs immer besser, weil die, die wegen Placebo gekommen waren nach vorne aufrücken konnten.

Alles in Allem haben sich die 104 Euro wirklich gelohnt und mir bleibt nur noch übrig, drei Wünsche für das nächste Jahr loszuwerden:

Zum Schluss noch schöne Grüße an Matthias und Thomas aus München und Danke für die Tipps und Ideen!

Robert Drechsler






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