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Secret Voyage

Label: Steamhammer (2008)

Ritchie Blackmore's musikalisches Erbe zerfällt in mehrere Teile. Da hätten wir zunächst seine Anfänge bei Bands wie den Outlaws (UK), Heinz, Neil Christian oder Screaming Lord Sutch And The Savages. Dann seinen Durchbruch mit Deep Purple als ein Stil prägender Gitarrist der sich gerade entwickelnden Progressive und Hardrock Genres, dicht gefolgt von der ersten Rainbowphase, die mit Ronnie James Dio am Mikrophon genial epischen Hardrock mit Fantasythemen verband. Danach die poppige Rainbowphase mit Graham Bonnett und Joe Lynn Turner, an die sich die anfangs gelungene Deep Purple Reunion anschloss. Danach Kasperletheater mit seinem Intimfreund / -feind Ian Gillan und schließlich der Rauswurf. Danach ein neues Rainbowkapitel, bei dem erstmals eine gewisse Candice Night als Texterin ("Ariel") und Hintergrundsängerin auftrat. Nach nur einer Platte war Schluss und Herr Blackmore legte die Stratocaster ab, um fürderhin mit Strumpfhosen die Welt zu beglücken. Mit Blackmore's Night hat er wohl die größten Verkaufszahlen seiner wirklich abwechslungsreichen Karriere erreicht. Das liegt wohl zum einen daran, dass seine alten Fans immer noch alles von ihm kaufen und zum anderen wohl daran, dass die Musik schlicht und ergreifend massenkompatibel ist. Vom Mittelalterfreak (obwohl der Ansatz Blackmore's eher die Renaissance ist...egal!) bis hin zu bügelnden Hausfrauen und Leuten, denen die gemeinsamen Platten von Mike und Sally Oldfield zu hart waren, deckt die Musik ein breites Spektrum ab. Und so blieb bei allen bisherigen Blackmore's Night Veröffentlichungen immer ein fader Geschmack zurück. So finden sich stilsicher inszenierte Tradionals neben Songs, die von Ralf Siegel beim Eurovision Song Contest ins Rennen geschickt worden sein könnten. Und das ist eine Mischung, mit der ich persönlich so meine Probleme habe. Und dann plündert der gute Ritchie auch noch hemmungslos seine eigene Vergangenheit, indem er Rainbow und Deep Purple Songs in neuen Versionen präsentiert. Und mir jagt es heute noch einen Schauder über den Rücken, wenn ich an die neuen Versionen von 'Child In Time' oder 'Black Night' erinnert werde!

Auf seiner neuesten Scheibe offeriert er uns nun eine Neuinterpretation der zweitbesten Rainbowballade: 'Rainbow Eyes' von "Long Live Rock'n'Roll" aus dem Jahr 1978. Die zarten Streicherarrangements sind genauso verschwunden wie Dios göttlicher Gesang. Was bleibt ist eine mit viel (geslideter) Stratocaster versehene Trällerballade, die dem Original mitnichten gerecht wird. Ich weiß, die zahlreichen Fans der Band möchten mich jetzt schon lynchen, aber so sehe ich das eben. Ich finde dafür das eröffnende 'God Bless The Keg' und die Instrumentalnummer 'Prince Waldeck's Galliard' sehr ansprechend und gelungen. Auch 'Locked Within The Crystal Ball' ist mit seiner percussiven, jagenden Schlagzeugbegleitung und der ansonsten sehr ruhigen Grundstimmung auf der angenehmen Seite zu verbuchen und verfügt außerdem über tolle Gitarrenarbeit. Ob die Welt eine Coverversion von Elvis Presley's 'Can't Help Falling In Love' wirklich gebraucht hat, zumal sie eher nach Mike Oldfields 'Moonlight Shadow' klingt, sei einmal dahingestellt. Aber ein Aussetzer der Scheibe ist in meinen armen, gebeutelten Ohren wirklich unverzeihlich: das nach einer Mischung aus Dschingis Khan und Village People in Dieter Thomas Hecks Hitparade klingende 'Toast To Tomorrow'. Auhaua! Hier können sich alle Fans der Band schon auf eine lustige Darbietung im Musikantenstadl oder beim ZDF Fernsehgarten freuen! Das geht bei aller geschmacklichen Toleranz gar nicht!

Als Fazit kann ich allen Lesern noch verkünden: Wer die ersten paar Blackmore's Night CDs gemocht hat, der macht auch bei "Secret Voyage" nichts falsch, da die Rockelemente, die auf "The Village Lantern" noch etwas ausgeprägter waren, wieder zugunsten ruhiger und folkiger Stilmerkmale reduziert worden sind. Fans lieben diese Scheibe, Anhänger von Rainbow und Deep Purple (so wie ich) werden auch weiterhin das Handwerk rühmen und die Richtung kritisch begleiten.

Frank Scheuermann






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