Reviews

The Complete Studio Albums 1970-1990

Label: Rhino Records (2013)

Die Langbärte haben gerade vor einem guten halben Jahr ein neues Scheibchen auf den Markt gebracht, da denkt sich wohl ihre langjährige Plattenfirma, dass man da mal einen gigantischen Sampler nachlegen könnte. In dieser netten, kleinen Boxe, der "little band from Texas", befinden sich die kompletten Studioalben der Band aus den ersten beiden Dekaden. Die Box enthält die ehemaligen LPs in Replica-Sleeves ohne Booklets, auch ein komplettes Booklet für die ganze VÖ wäre wünschenswert gewesen, fehlt leider ebenfalls. Bonustracks (wie z.B. von der Eliminator-DeLuxe-Ausgabe) sind auch überhaupt nicht vorhanden.

Trotz der bereits beschriebenen Mängel, kann die Box durchaus punkten: Man bekommt die wichtigsten Scheiben der Drei-Mann-Formation auf einen Schlag zu einem erträglichen Preis. Der Sound ist durchweg okay, ich kann aber beim besten Willen nicht feststellen, ob sich seit den letzten Remasters etwas getan hat. Doch nun zu einer kurzen Bewertung der einzelnen Scheiben:

First Album

Hier haben wir es noch mit einer extrem am Blues orientierten Band zu tun, die zwar schon ansatzweise in die spätere Richtung deutet, die aber ihren Weg noch nicht wirklich gefunden hat. Trotzdem wegen der Klassiker "Brown Sugar" und "Shakin' Your Tree" eine lohnenswerte Anschaffung.

7/10

Rio Grande Mud

Hier wussten die Buben schon eher als auf dem Debüt, was das Herz begehrt. Der lässige Stil ist schon einen Tick deutlicher zu erkennen und mit "Just Got Paid" gibt es auch auf dem Zweitling einen Klassiker zu vermelden.

7,5/10

Tres Hombres

Das ist die Platte, mit der es für ZZ Top so richtig begann. Der coole Opener "Waiting For The Bus", der göttliche Blues "Jesus Just Left Chicago", das treibende "Beer Drinkers And Hell Raisers" und das unübertroffenen "La Grange" sind alleine das Geld dieser göttlichen Scheibe wert.

10/10

Fandango!

Nach einer kleineren kreativen Unterbrechung von drei Jahren (für die siebziger Jahre war das eine Ewigkeit!) meldeten sich die Texaner mit nur wenigen neuen Songs zurück und boten auf der zweiten LP-Seite dafür einen Live-Mitschnitt, was sie in dieser Form gute zwanzig Jahre später mit "XXX" so ähnlich noch einmal wiederholen sollten. Im Vergleich zu "Tres Hombres" kann "Fandango" nicht ganz den Standard halten, auch wenn der zweite Superknaller der Band mit "Tush" vertreten ist.

8/10

Tejas

Alleine für das grandiose "Arrested For Driving While Blind", wo es darum geht, dass es von der Polizei eher unfreundlich ist, jemanden festzunehmen, nur weil er sturzbesoffen Auto fährt, ist das Geld der Scheibe schon einmal wert. Und das ist auch gut so, denn auch "Tejas" nimmt nicht wirklich Fahrt auf und liefert eher halbherzige Ansätze, die weit hinter "Tres Hombres" zurückbleiben.

7/10

Degüello

Na endlich! Die kreative Auszeit von wiederum drei Jahren nach "Tejas" hat sich bezahlt gemacht! So inspiriert wie hier gingen die Jungs außer bei "Tres Hombres" noch nie zuvor ans Werk, auch wenn die alles überragende Nummer dieser Platte ausgerechnet "I Thank You", eine Coverversion des Soul-Musikers Isaac Hayes ist. Aber wie! Cooleres hatte man bis dato noch nicht zuhören bekommen. Aber auch "She Loves My Automobile" und "Fool For Your Stockings" wissen zu überzeugen. Und wer schon immer mal hören wollte, warum ich mir jedes Jahr eine neue Sonnenbrille für maximal 1 € gönne, der sollte mal schleunigst in "Cheap Sunglasses" hineinhören.

10/10

El Loco

Der Verrückte nennt sich die Platte, mit der ZZ Top die 80er Jahre begrüßt haben. Es sollte für viele Jahre die letzte im klassischen, staubigen Texassound sein, bevor sich die Jungs der modernen Aufnahmetechnik mit all ihren Chancen und Gefahren zuwandten. Um es kurz zu machen: "Tube Snake Boogie" ist charmant, die ganze Platte nett anzuhören (vor allem das witzige Cover, das die Band beim Marihuanaschmuggel durch die Wüste zeigt, rechtfertigt immer noch den Kauf, auch wenn die Klasse des Vorgängers zu keinem Zeitpunkt erreicht wird.

8/10

Eliminator

Willkommen im Zeitalter der Computersounds! Ab hier begann für die Bartträger (übrigens erst seit "Degüello" mit langen Bärten!) die Moderne mit computergenerierten Sounds, peitschenden Beats, coolen Autos und scharfen Bräuten (die man diesen Zauseln im richtigen Leben niemals zugetraut hätte!). Diese erste Scheibe dieser Epoche ist auch mit weitem Abstand die beste. Klassiker wie "Gimme All Your Lovin'", "Sharp Dressed Man"oder "Legs" sprechen hier eine deutliche Sprache! Anders als alles, was die Jungs bis dato abgeliefert hatten, aber mit Stil und Klasse!

10/10

Afterburner

Das war ganz eindeutig "Eliminator 2". Der gleiche Sound, das selbe Image, nur dass man in der Ästhetik die Erde mit ihren Hot Rods verlassen hatte und sich Raumschiffen zugewandt hatte. Geniale Songs und Sounds wie in "Rough Boy" (der Gitarrensound!!!! Hammer!!!!!) oder Velcro Fly sorgen dafür, dass der Fan nicht enttäuscht ist, auch wenn man die Klasse des Vorgängers knapp verfehlt.

9/10

Recycler

Der Plattentitel war vielleicht wirklich ein wenig zu ehrlich. Auf "Recycler" tat man nämlich genau das: Sounds und Songfragmente der beiden letzten sehr erfolgreichen Scheiben noch einmal imitieren, ohne auch nur ansatzweise deren Charme und Leichtigkeit zu erreichen. Was bleibt ist ein fade Geschmack und das Wissen, dass sich bei dieser Band etwas ändern musste. Was, das wussten die Musiker wohl selbst nicht so ganz. Es folgte eine Vielzahl von Versuchen bei unterschiedliche Labels, mal komplett "back to the roots", mal wieder mit Computeroverkill (nur dieses Mal besser versteckt). Bis heute laufen die netten Jungs ein wenig ihrer Form im Studio hinterher. Live sind und waren sie immer ein Bringer, zumindest für die knapp 50 Minuten, die sieren Fans pro Auftritt gönnen.

6/10

Bleibt mir noch kurz eine Gesamtbewertung der Box vorzunehmen. Die Aufmachung ist kostensparend, ohne jegliche Informationen zu der Alben oder gar Schutzhüllen für die CDs in den Miniatur-LP-Covers. Da wäre deutlich mehr drin gewesen. Auch hätte man sich die sicher vorhandenen Bonustracks aus den Archiven gewünscht. Dafür hätte der Fan auch bestimmt gerne ein paar Euronen mehr auf den Tisch gelegt. Abgesehen von der Musik, die ja schon oben bewertet worden ist, möchte ich daher der Aufmachung eine eher mittlere Wertung verpassen.

6/10

Frank Scheuermann






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