Reviews

Progeny_ Highlights From Seventy-Two

Label: Atlantic Records (1972/2015)

Es gab einmal eine Zeit, in der das Maß aller Dinge technische Virtuosität, gepaart mit monströses Monumentalität war. In diesem Universum waren Emerson, Lake & Palmer, King Crimson, Genesis, Gentle Giant und Pink Floyd die Götter. Aber es gab noch eine Band, die sie alle locker in den Schatten stellen konnte: Yes! Die Band um Jon Anderson (vocals, guitar), Steve Howe (guitars), Rick Wakeman (keyboards), Chris Squier (bass) und Alan White (drums) stellte im positiven wie im negativen einen Rekord nach dem anderen auf. Nach recht beschaulichen Anfängen im psychedelischen Pop legten sie ab "The Yes Album" (1970) richtig los, lieferten einen ersten Meilenstein progressiver Musik mit "Fragile" (1971) ab, um dann mit "Close To The Edge" (1972) ihr Magnum Opus abzuliefern. Direkt im Anschluss stieg dann Ur-Schlagzeuger Bill Bruford aus, um sich King Crimson anzuschließen, später Genesis, um dann mit Earthworks Fusion-Geschichte zu schreiben. Davon ließ sich der Rest nicht abschrecken und ging mit dem noch jungen aber schon äußerst routinierten Drummer Alan White auf Tour, der bis heute bei Yes die Stöcke schwingt.

Auf dieser Tour wurde dann das opulente Livemonument "Yessongs" als 3LP mitgeschnitten, mit vierfach Klappcover, fast schon barock von Graphikgenie Roger Dean in Szene gesetzt und durch ein schönes 12" Booklet, mit umfangreichen Livephotos der Tour versehen. ergänzt. "Yessongs" war der ultimative Ausdruck des Herrschaftsanspruchs des Progrock Anfang der 70er Jahre. Nun, über 40 Jahre später, schickt sich die Band an, den damaligen Output noch zu übertrumpfen, indem man sieben (!) komplette Shows der damaligen Tour in einer Box zu einem vertretbaren Preis anbietet. Diese Box liegt mir leider nicht vor, allerdings der Doppel CD Sampler dieses Monuments. Die Setlist ist quasi identisch mit der von "Yessongs", allerdings finden sich bei einzelnen Aufnahmen zum Teil signifikante Unterschiede zu den bereits bekannten Versionen. Der Sound der Originalscheibe gefällt mir merkwürdigerweise etwas besser als die Aufnahmen von "Progeny", aber das verbanne ich mal kalt lächelnd in den Bereich der Geschmacksfrage. Wer einmal Aufnahmen von Yes zu ihren Glanzzeiten hören möchte, der ist hier wirklich bestens bedient, zumal schon ein halbes Jahr später mit "Tales From Topographic Oceans" (1973), einer Doppel LP mit vier jeweils 20-minütigen Stücken, das Pendel vieler Rockfans von Bewunderung in Richtung Lächerlichkeit umzuschlagen begann und damit die Geburtsstunde des Punk eine Wohltat darstellte in allzu ausladendem Pomp und Bombast mittlerweile selbstgefälliger Progmusiker, die jede Bodenhaftung verloren hatten. Aber hier gibt es noch einmal die Frische einer gerade noch nicht dekadenten Band zu entdecken.

Frank Scheuermann

8/10 






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