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Psychedelic Pill

Label: Reprise Records (2012)

Der Wanderer zwischen den Welten hat wieder einmal zugeschlagen. Obwohl Neil Young mittlerweile stramm auf die 70 zugeht, klingt er -zumindest wenn er wie hier mit Crazy Horse aufnimmt- immer noch so, als sei er ein wütender junger Mann. Das liegt nicht so sehr daran, dass er harte Töne anschlagen würde. Dafür war er noch nie so ganz der richtige Ansprechpartner. Aber die Art, wie er halb unfertige, unglaublich rohe Musikstücke auf die Käuferschicht loslässt, diese unbekümmerte Art, wenn es mal ein wenig schräg klingt, ja, diese ganze leck-mich-am-Arsch-Metalität, das ist durch und durch jugendlich. So jugendlich, dass unsere heutige mehr am Schein als am Sein orientierte Jugend in Zeiten der glattpolierten Radiomucke hinter diesem ältlichen Herren weit, weit zurücksteht.

"Psychedelic Pill" ist ganz ohne Zweifel DAS neue Meisterwerk des gebürtigen Kanadiers. Das liegt weniger an den großen Melodien, die er hier zwar auch wieder am Start hat. Vielmehr ist es die Hypnotik der bis ins Endlose gezogenen Nummern, die trotz einer Spieldauer von bis zu knapp 28 Minuten immer klingen, als einen sie im Studio während langer Jams entstanden. Neil Young war nie der ganz große Techniker an seiner uralten Les Paul. Aber was er stets perfekt beherrscht hat, waren die wundervoll eingesetzten Töne, die zuweilen holprig inszeniert werden, dabei aber von majestätischer Schönheit sind. In den vielen Gitarrensoli bei 'Driftin' Back', das fast wie eine Verlängerung von 'Cowgirl In The Sand' klingt, bringt er es in der knappen halben Stunde auf weniger Gitarrentöne als Yngwie Malmsteen in zwanzig Sekunden. Aber es strahlt ganz große Klasse aus.

Man hat Neil Young einmal als den "Godfather of Grunge" bezeichnet - was das Hemdsärmelige seiner Graswurzelmusik betrifft, mag das durchaus zutreffen. Aber jetzt, da Grunge schon über zwei Dekaden tot ist, hört man Neil Young immer noch mit Genuss. Solange er uns mit seiner seit dreieinhalb Jahrzehnten bestens eingespielten Begleitband Crazy Horse weiterhin solche Scheiben kredenzt, wird dieser Mann relevant bleiben. Nebenbei bemerkt, der Plattentitel könnte nicht treffender gewählt sein, da die Musik sich in ihren hypnotischen Strukturen wohl genauso auswirkt, wie LSD oder Magic Mushrooms. Eintauchen und abfliegen!

Frank Scheuermann






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