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Blood Sample

Label: Dockyard1 (2006)

Die Finnen Waltari waren schon immer eine komplett eigene Kategorie und ließen sich nie in eine Schublade stecken. Egal ob man auf den Alben Techno mit Punk und / oder Grindcore kombinierte („So Fine") oder eine Death Metal-Symphonie mit Orchester aufführte, bei der auch Hip Hop-Parts nicht fehlen durften („Yeah Yeah Die Die"); alles wird durch den Mixer gejagt und am Ende kommt etwas komplett Eigenes raus. Vergleichen kann man so etwas natürlich mit fast nichts anderem außer vielleicht mit den kanadischen Chaoten von Zimmers Hole.

An dieser Machart hat sich glücklicherweise auch beim Jubiläumswerk „Blood Sample“ nichts geändert. Was 20 Jahre lang konsequent durchgezogen wurde, darf natürlich heute nicht anders sein. Auch hier werden sämtliche Stilrichtungen wieder mal konsequnet vermischt, so dass Hardcore-Shouts mit Black Metal-Parts einhergehen (‚New York’), der Opener ‚Helsinki’ gleich mal mit Techno-Beats und finnischen Vocals aufwartet oder man bei ‚Never’ die Liebe zu Handy-Klingeltönen entdeckt hat.

Garantieren die ersten 7 Songs noch eine Ordentliche Portion Spaß, stellt ‚Digging Inside’ die erste Enttäuschung dar. 6 Minuten leicht industrielle Monotonie gewürzt mit Björk-Beats dürften selbst dem offenherzigsten Musikliebhaber zu viel sein. Nicht, dass der Song schlecht gemacht wäre, aber er langweilt einfach, genau wie auch das folgende ‚Fly Into The Light’. Nach diesen beiden Tiefpunkten lässt das schnulzig-ruhige, manchmal fast schon gotische ‚Shades To Grace’ glücklicherweise wieder aufhorchen, schließlich sind auch solche Songs ein Merkmal der Finnen. Kaum eine andere Band schafft es wohl, mit einer solchen Schnulze die Aufmerksamkeit des Hörers auf sich zu ziehen.

Richtig gotisch wird es dann beim folgenden Type-O-Negative-Rocker, der von einem Weckerklingeln eingeleitet mit einer leichtfüßigen Gitarrenarbeit des Kreator-Klampfers Sami daherkommt und durch Kärtsis tiefen Gesang als finnische Type-O-Nummer durchgeht. Natürlich heben sich die kurz vor Schluß durchbrechenden Verrücktheiten klar von Pete Steele und seinen Kumpanen ab, die von nun an wieder verstärkt zum Zuge kommen. Man höre beispielsweise das von Goa-Beats getragene ‚Back To The Audio’, die mit orientalischen Zwischenparts und Rap-Sprechgesang auwartende Linkin Park-Verneigung ‚Pigeons’ (inklusive tollem Gothic-Refrain), bei der Sami sein Können auf der spanischen Akustik-Gitarre zeigen darf oder das blackmetallische ‚Exterminator Warheads’. Bevor nun aber der Ultra-True-Blackie auf die Idee kommen sollte, einen neuen Lieblingssong gefunden zu haben, sei gesagt: Kochgeschirr-Samples (!) und total durchgeknallte Geangsparts in Richtung alter EAV (!!) (kennt die noch wer?) passen perfekt zur Musik des Teufels.

Auch wenn das aktuelle Werk mit Überklassikern wie „Torcha“, „So Fine“ oder gar „Yeah Yeah Die Die“ nicht mithalten kann, haben die Finnen es doch wieder mal geschafft, dem normalen Hörer ein riesiges Fragezeichen über das Antlitz zu zaubern. Alle anderen, die sich nicht als normal bezeichnen würden und angeben, open-minded so ziemlich allen Musikrichtungen gegenüber zu sein, sollten sich diese Blutprobe auf alle Fälle mal anhören. Es gibt in den Songs auf jeden Fall mehr zu entdecken, als in einer kompletten Durchschnittsplattensammlung.

Michael Meyer






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