Reviews

20 Jahre Welle:Erdball

Label: SPV (2013)


Man könnte Welle: Erdball als deutschsprachige Minimal-Electro-Band bezeichnen. Damit würde man der Gruppe aber ziemlich unrecht tun, denn mittlerweile ist das Projekt mit dem einfachen Label „Band“ kaum mehr zu fassen. Recht schnell kam die Gruppe zu ihrem Selbstverständnis als Radiosender, was sich ebenso in der Namensgebung widerspiegelt als auch in den „Moderatorenuniformen“. Entsprechend ist auch nicht die Rede von Konzerten und Alben, sondern von „Sendungen“. Dass man sich schon mal die Hilfe eines Radiomoderators holt und sich auf einer Scheibe auch schon mal klassische Radiodurchsagen – vom Verkehrsfunk bis zur Vermisstenmeldung – finden, sollte da nicht mehr verwundern. Zweiter Grundpfeiler der Band ist die Verwendung von Analogtechnik – vornehmlich des C=64 – zur Klangerzeugung. Und auch hier macht man keine halben Sachen, so hat es der Kultrechner längst schon in die feste „Bandbesetzung“ geschafft und wird auch regelmäßig als Bandmitglied aufgeführt. „Honey“ und „ALF“ bilden als Gründungsmitglieder den „festen Kern“, während es in der weiblichen Besetzung einen recht regen Wechsel während der letzten 20 Jahre gab und die Positionen derzeit von „Frl. Venus“ und „Plastique“ eingenommen werden.  Doch genug davon und zurück zur neuen Veröffentlichung:    
Die Box kommt im edlen Samtfinish mit Goldprägung daher – macht sich im Regal sicher schick. In der schlanken Box findet man neben den 2 CDs und der DVD im Papphemd auch ein umfassendes Booklet, einen W:E-Aufkleber und eine Krawattennadel. Qualitativ macht alles einen guten Eindruck, der Aufkleber ist sauber ausgeführt und beim Booklet erwartet einen eine Klebebindung statt der häufig verwendeten Klammern. Inhaltlich findet man neben einer kurzen „Senderbiografie“, Informationen zur Auswahl der Tracks und Steckbriefen natürlich jede Menge Bildmaterial, aber auch eine ausführliche Auflistung aller bisher erschienenen „Sendungen“.

                                                                                                 Auch wenn man die auf der Verpackung genannten 60 Seiten nur erreicht, wenn man auch den Einband zählt, so überzeugt der Inhalt mit interessanten Details rund um den „Sender“. Auch die Entscheidung, einige Bilder doppelseitig auszuführen, halte ich für sinnvoll. Einzig beim umfassenden Überblick über die Werke der Gruppe (neben den Alben wird auch auf Videoclips, Filme und sogar Spiele eingegangen) kann man geteilter Meinung sein: manch einer mag auf alternative Quellen verweisen, für eingefleischte Fans ist die Komplettauflistung aber sicherlich hilfreich.


Natürlich zählen auch die inneren Werte, sprich: die Musik. Über Musikauswahlen kann man ja immer trefflich streiten, auch wenn ich die vorliegenden Tracks mittlerweile durchaus passend finde (was auch am Booklet liegt, das jede Wahl nochmal „begründet“ – und damit bei einigen Tracks Klarheit schafft). Zudem muss man anerkennen, dass W:E hier nicht den Weg des geringsten Widerstands gehen – sprich die „wichtigsten“ Singles nochmal rauszukramen und zu verwursten – sondern einen durchaus breiten Überblick über das Schaffen bieten und auch Tracks bieten, die nicht überall rauf und  runter laufen. Der (logische) Wermutstropfen ist natürlich, dass einiges fehlen muss. Das ist aber nicht so dramatisch: Der eingefleischte Fan hat die Lieder ohnehin längst (evtl. mehrfach) und der interessierte Neuling bekommt auch so einen repräsentativen Überblick (zumal vieles sich – zumindest ausschnittsweise – auf der gut gemachten Dokumentation der DVD findet). Es empfiehlt sich übrigens, die Scheibe auch mal an den PC zu verfüttern, denn dann kommt man auch in den Genuss der Zusatztracks, die sich auf der Datenseite verstecken. Zudem hat man noch SID-Dateien (das ist das Dateiformat des Soundchips des C=64) zu einigen Liedern in den Datenbereich gepackt, die man mit einem entsprechenden Emulator auch anhören kann.
Zusammenfassend bleibt eigentlich nur zu sagen: Ist das geil! Selbst wenn man kein Fan wäre, so käme man doch nicht umhin, das Herzblut anzuerkennen, mit dem hier gearbeitet wurde.

Seit langem habe ich bei einer „Sonderveröffentlichung“ wieder mal das Gefühl, dass hier nicht nur schnelle Kohle gemacht werden soll, sondern man die Hörerschaft im Blick hat (wie eng das hier tatsächlich der Fall ist, zeit die Zusammenarbeit mit dem W:E-Hörerclub). Einwürdiger Appetitmacher für die kommende Sendung „Tanzmusik für Roboter“.                                                                             Hinzu kommt ein angemessener Preis, so dass man nur sagen kann: Wer mit Minimal mehr verbindet als eine Einkaufskette, der kann hier bedenkenlos zuschlagen.

10/10

KoJe






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