Reviews

The Outsider

Label: Frontiers Records (2014)

Die Erwartungen nach dem Jahrhundertwerk "Into The Wild" von 2011 waren enorm. Die Band hatte inzwischen so einiges wegzustecken, allem voran vor einem Jahr der Tod von Bassist Trevor Bolder, der immerhin mit einer kurzen Unterbrechung seit 1976 die tiefen Saiten gezupft hat. Nun hat man mit Davey Rimmer (ex-Zodiac Mindwarp and the Love Reaction) einen passenden neuen Mitstreiter gefunden, der von seiner Erscheinung her (groß und rappeldürr) eher an den legendären Gary Thain erinnert, allerdings Linkshänder ist. Die Band war 2013 fast ununterbrochen auf Tour und ich konnte sie dort alleine in der Nähe meines Wohnortes dreimal on stage erleben. So nutzte man denn eine kurze Verschnaufpause im Januar, um das neue Album zu schreiben und gleich aufzunehmen. 

Die Scheibe beginnt mit "Speed Of Sound" recht ungewöhlich im Midtempobereich. Allerdings benötigt der Song mehrere Durchläufe, um richtig zu zünden - dann allerdings gewaltig. Eine mutige Wahl, sich für einen solchen Opener zu entscheiden. Danach folgt die erste Singleauskopplung "One Minute", einer Fast-Ballade mit großartigem Text und noch tollerem Arrangement. Mein erster Topfavorit kommt an Position 3 mit dem fetten Riffrocker "The Law", der trotz aller Härte über die Heep-typischen Feinheiten verfügt. Kaum hat man sich bei diesem Song verwundert die Augen ob der Härte auf einem Uriah Heep Album gerieben, folgt mit dem Titelsong der wohl schnellste Track, der zeigt, dass Drummer Russell Gilbrook mittlerweile nach Mick Box der soundbestimmende Mann im legendären britischen Fünfer ist. Die Drums laufen Amok und beim Autofahren ist die Nummer nicht zu toppen.

Danach wird es wieder etwas getragener, aber nicht langweilig. Die Band balanciert geschickt auf ihrem klassischen Sounderbe vor allem der 70er Jahre, allerdings auch mit leichten Bezögen zur "Abominog" und "Head First" Ära (1982-83) und das Ganze mit einem absolut gelungenen 2014er Sound. Richtige Balladen sind nicht verteten, mir hätte vielleicht noch eine etwas progressivere Nummer gefallen, wie sie 2011 mit "Trail Of Diamonds" vertreten war, aber auch so ist "The Outsider" ein Werk geworden, das die ganzen möchtegern-70er-Jahre-Adepten zumindest musikalisch auf die Ränge verweist. Ein verdammt starkes Alterswerk dieser sympathischen Band, das überaus jugendlich aus den Boxen kommt und dabei doch so abgeklärt ist. Klasse! Da kann man nur hoffen, dass der letzte Songtitel nicht programmatisch zu verstehen ist!

Frank Scheuermann

10/10