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Ceremony

Label: Esoteric Recordings (1969/2009)

Für die Jungspunde unter Euch, deren Eltern damals noch nicht geboren waren: Spooky Tooth waren eine Hardrockband der allerersten Generation, die schon lange vor Black Sabbath und Deep Purple tonnenschwere Riffs auf die damals noch völlig unvorbereitete Welt losgelassen haben. Darunter war auch ein Song namens 'Better By You, Better Than Me', der Judas Priest noch als Coverversion manchen Ärger bereiten sollte, weil angeblich ein Teenager durch die düstere Botschaft des Liedes in den Suizid getrieben worden ist.

Mit "Ceremony" lieferten Spooky Tooth 1969 ihre (wenn man das Album "Supernatural Fairy Tales", das sie noch unter dem Namen "Art" veröffentlicht hatten dazurechnet) vierte Scheibe ab. Sie orientierte sich textlich an einer Kirchenmesse und war sehr schwermütig, was durch das Thema "Schuld und Vergebung" schon inhaltlich vorgegeben war. Sie sollte das kontroverseste Werk der Band werden. Wieso, fragt sich der unvoreingenommene Leser. Nun, Spooky Tooth machten einen außerordentlich guten Job und lieferten ein düsteres psychedelisches Meisterwerk der Extraklasse mit außergewöhnlich gelungener Instrumentalarbeit und ergreifenden Gesangesleistungen von Mike Harrison und Gray Wright ab. Die Kompositionen waren schleppend, düster, hypnotisierend und wegweisend für die Zukunft. Warum also kontrovers? Nun, ganz einfach: Der französischen Avantgardemusiker Pierre Henry, der wegweisende Vertreter der musique concrete hatte beschlossen, auf dieser Platte mit Spooky Tooth zu kooperieren. Und das sah so aus, dass die Band ihm die fertigen Bänder zur weiteren Bearbeitung schickte. Dieser reichte das fertige Ergebnis direkt an die Plattenfirma weiter, die umgehend das Presswerk belieferte, ohne dass Spooky Tooth noch einmal eine Mitsprachemöglichkeit gehabt hätten. So war denn auch das Entsetzen zu Recht groß, als die Band die phantastischen Songs durch unmotiviertes Elektronikgefiepse weitgehend vernichtet sah. Pierre Henry legte elektronische Klänge ohne innere Anbindung und Notwendigkeit zusammenhanglos über das psychedelische Meisterwerk. Das Endergebnis ist leider über weite Passagen schwer anhörbar, die ergreifende Bluesstimme von Mike Harrison wird streckenweise durch Pfeiftöne und ähnlichen Krach völlig ihrer Wirksamkeit beraubt. Ich habe im Laufe meines Lebens mehrere ernstzunehmende Kritiker erlebt, die die sofortige Hinrichtung Pierre Henrys wegen dieses Frevels gefordert haben. Ich kann es zumindest nachvollziehen. Wenn man daran gewöhnt ist, Musik bei offenem Fenster zu hören, dann kann man sich auch einreden, der Krach käme zufällig von außen dazu. Dann kann man die Musik halbwegs genießen. Ich persönlich würde mich freuen, wenn endlich einmal eine Plattenfirma auf die nahe liegende Idee käme, die CD in zwei Versionen anzubieten, einmal mit und einmal ohne Krach. Das wäre eine späte Würdigung dieser grandiosen Songs!

Frank Scheuermann






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