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The Saxon Chronicles

Label: SPV (2003)

Zwei lange Jahre sind vergangen, als Biff auf der Bühne des Wacken-Festivals 2001 bekannt gab, eine DVD aufzunehmen und zu veröffentlichen. 2 lange Jahre, in denen jeden Monat die Release-Liste durchstöbert wurde, auf der Suche nach einem endgültigen Veröffentlichungstermin dieses Scheibchens. Nach endlosen Termin-Verschiebungen hat es diesen Monat nun geklappt; der gepolsterte Umschlag samt sehnsüchtig erwartetem Inhalt lugt endlich aus meinem Briefkasten, die Distanz über 2 Stockwerke bis zu Sofa und Fernseher wird in Rekordzeit zurückgelegt, das Bier aus dem Kühlschrank und den Altar aus dem Schlafzimmerschrank gezerrt, dann heißt es endlich: „Let’s get fucking craaaaazy!!!!!!“

Die Frage, ob sich die lange Wartezeit gelohnt hat, erübrigt sich schon auf den Blick auf das Backcover; 2 Disks randvoll gefüllt mit jeweils fast 2 Stunden Material. Vom quantitativen Standpunkt her sieht das ganze schon mal nach Value for Money aus, wenn der qualitative Aspekt hier mithalten kann, könnten wir es hier mit einem neuen Referenzwerk des Metals (und somit mit der Ablöse von Nightwish’s Jahrhundert-DVD „From Wishes To Eternity“) zu tun haben.

OK, das erste Bier ist geköpft, die erste Zigarette angezündet, und los geht’s mit einer der geilsten Shows, die ich je erleben durfte; Saxon’s Mega-Show in Wacken + zugehöriger Neueinführung der Adler-Ära. 100 Minuten Gänsehaut pur, die durch den dynamischen Dolby 5.1-Sound noch verstärkt wird! Mitten drin statt nur dabei! Ein Jahrhundert-Klassiker (zu denen auch neueres Material wie der Über-Killer ‚Dogs Of War’, ‚Conquistadors’, das düstere ‚Cut Out The Disease’ oder das sich mit jedem Durchlauf steigernde ‚Metalhead’ gehört) jagt den nächsten, die Band legt eine Spielfreude an den Tag, die wirklich JEDE junge Band in den Photograben bläst, was zu einem nicht geringen Teil an Biff Byford, der für mich mit seinem Charisma den ultimativen Messias des Metal darstellt, liegt. Daß der Rest der Band perfekt aufeinander eingespielt ist und spieltechnisch das beste Saxon-Line-Up überhaupt darstellt, braucht bei allem Respekt gegenüber den alten Mitglieder wohl nicht erwähnt zu werden. Wer einmal Über-Trommler Fritz Randow bei der Arbeit beobachtet hat, und gesehen hat, wie der alte Sack mit gleichgültiger Gelassenheit die Felle in Grund und Boden prügelt und dabei alle möglichen Tricks wie Jonglier-Übungen mit den Sticks vorführt (zieht euch nur mal das Drum-Solo rein! Dieser Mann ist absolut wahnsinnig!!!), wird das nur zu gerne bestätigen. Dazu kommt noch die jugendliche Frische des Ausnahme-Talents Doug Scarret, der zusammen mit Paul Quinn die Donner-Axt-Fraktion bildet, die den Herren auf ihre alten Tage nochmals einen gehörigen Tritt in den Arsch verpasst hat. Die Theorie, dass Männer mit dem Alter ruhiger werden, stimmt im Falle Saxon also schon mal nicht, die Theorie, dass Männer mit dem Alter besser aussehen, jedoch schon; aber dazu später mehr.

Neben der oben erwähnten Klassiker-Setlist, die u.a. die unvermeidlichen Standards ‚Motorcycle Man’, ‚Solid Ball Of Rock’, ‚The Eagle Has Landed’ (bei dem das erste Mal der Adler eingesetzt wird…Gänsehaut pur!), ‚Crusader’, ‚Denim & Leather’ sowie das etwas seltener gespielte ‚Power & The Glory’ enthält (natürlich fehlten noch ein paar Sachen wie beispielsweise ‚And The Bands Played On’, ‚747’, ‚Dallas 1PM’ oder ‚Requem’; da die Band aber nur eine Spielzeit von rund 100 Minuten zur Verfügung hatte, sollte dies auch der letzte Nörgler verschmerzen können!) machen auch die perfekte Performance sowie die klasse Bild- und Tonqualität, mit der die Show inmitten der Kulisse von 30000 begeisterten und bestens abrockenden und mitsingenden Fans eingefangen wurde, diese DVD zu einem „Must-Have“ für jeden ordentlichen NWOBHM- und Heavy Metal-Wahnsinnigen. Das 13 minütige Interview mit Biff und die sehr coole Aufmachung des Main-Menus runden Scheibe Nr. 1 perfekt ab!

Im Gegensatz zu dem Wacken-Konzert, das uns Saxon heute und von ihrer schwermetallischsten Seite zeigt, präsentiert die „Kult-Box“, sprich: DVD Nr. 2 uralte Ausgrabungen der Band, die uns auf eine Zeitreise von 1980 bis in die Jetzt-Zeit mitnehmen. Nach ein paar Studio- und Tour-Impressionen der englischen Spaßbacken geht es für 3 Songs auf die Bühne des Esbjerg Festival 1995, von dem 3 Songs (‚747’, ‚Princess Of The Night’ und ‚Wheels Of Steel’) für einen kleinen Mitschnitt verwendet wurden. Anhand dieser Aufnahmen wird ersichtlich, welch erstaunliche Ausmaße das Unternehmen unter dem stählernen Adler wieder angenommen hat; das niedliche Mini-Schlagzeug, auf dem Nigel Glockler trommelt, würde sich Fritz Randow nicht mal ins Schlafzimmer stellen, Biff sieht mit seinem lustigen Schmuck aus wie ein indianischer Hippie und Gitarrist Paul Quinn könnte mit seiner roten Pudelmütze, sprich: seiner damaligen Haarpracht glatt als große Schwester von Pipi Langstrumpf durchgehen. Heute ist das Drumkit riesig, Paul Quinn sieht mit Glatze und Bandana aus wie ein Rocker und über Biff selber brauche ich sowieso keine Worte mehr zu verlieren (s. oben!)!

Nach diesem ziemlich witzigen Mitschnitt folgt dann die Kultigkeit schlechthin, ein visuelles Massaker schlechten Geschmacks, bei dem wirklich kein Auge trocken bleibt! Wer hatte schon mal das Vergnügen, die Videos zu ‚Suzie Hold On’, ‚Power & The Glory’, ‚Nightmare’, ‚Back On The Streets Again’ oder ‚Rocking Again’ zu sehen? Hier ist die ultimative Gelegenheit, das Versäumte nachzuholen und sich den Zwerchfellriß schlechthin einzufangen. Gegen diese „Kunstwerke“ ist selbst das grässliche Cancer Bauernhof-Scheunen-Video zu ‚Back From The Dead’ oskarreif. Diese Freakshow muß man selbst erlebt haben, so hässlich wie die in Spandexhosen gezwängten Buben damals ist nicht mal Daniel Küblböck! Ohne Worte!!! Besser wird´s dann mit ‚(Requiem) We Will Remember’, ‚Killing Ground’ und ‚Unleash The Beast’, von dem uns noch ein herrliches Making-Of serviert wird.

Um diese Zeitreise komplett zu machen, beendet neben mehreren Fotos und Presse-Abbildungen noch ein Zusammenschnitt mehrerer TV-Sendungen dieses Set. Neben mehreren Ausschnitten vom englischen Top of the Pops, bei denen Saxon mehrere Auftritte haben, kommen auch die Urmitglieder Steve Dawson, Graham Oliver und Nigel Glockler in Interview-Ausschnitten zu Wort. Eine nette Geste, wenn man bedenkt, mit welch kindischem Verhalten sich die Herren Dawson und Oliver selbst ins Abseits manövriert haben.

Nach knapp 4 Stunden Fernsehprogramm, mehreren Fläschchen und einer fast leergequalmten Zigarettenpackung gilt es, folgendes Fazit zu ziehen: Meine Fresse, ist das geil! So viel Material für’s Geld, ein so hammermäßiges Konzert, das wirklich keine Gefangenen macht, und die geniale Aufmachung (während mein Promo-Exemplar ganz schlicht in der Hülle einer Doppel-CD bei mir eingetrudelt ist, erwartet die Käufer eine schmucke in Kunstleder gefaßte Buchform mit zahlreichen Bildern) dieses Doppeldeckers lässt dem Metal-Fan keine andere Wahl, als sich „The Saxon Chronicles“ so schnell wie möglich abzugreifen! Allen, die sich dieser Aufforderung widersetzen, gebührt ein kräftiger Tritt in den Arsch sowie eine 4stündige Wiederholung von Deutschland sucht den Superstar!

Michael Meyer






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