Reviews

The Cortex Zero Effect

Label: Advoxya Records (2013)


Frischer Wind aus dem Norden erwartet uns beim mittlerweile siebten Album der Friesen. Schon beim ersten Hören wurde klar: noch immer wird Wert auf Vielschichtigkeit gelegt. Und so erwartet einem neben den heißersehnten Stampfern für die Tanzfläche auch langsam-melancholische Klänge.
Aber, soviel sei vorab schon verraten, die Scheibe präsentiert sich deutlich geeigneter für die Tanzfläche, als etwa der Vorgänger. Womöglich mag das auch der Ausschlag für den (wieder) erfolgten Einstieg in die DAC sein.

Wie schon beim letzten Album gibt es eine Zusammenarbeit mit Reiner Schöne. Der Sänger und Synchronsprecher, der etwa Mickey Rourke seine Stimme leiht, spricht das Intro in „The Effect“. Mit klanglichem Bombast und den Streichinstrumenten würde sich das Stück sicher auch in einem Soundtrack gut machen.
„The Way to Oblivion“ lebt vom Kontrast zwischen eindringlichem Duett – gerade Sängerin Straatmann weiß hier zu glänzen – und harten elektronischen Beats. Das Stück findet gerade die rechte Mischung zwischen andächtiger Langsamkeit und adrenalinpushendem Dancefloorstampfer.
Zu „Pop Corn“ muss man, so glaube ich, nicht viel hinzufügen. Wer nicht gerade in einer Höhle aufgewachsen ist, dem dürfte der Klassiker von Gershom Kingsley geläufig sein. Wenn schon nicht vom Original, so doch von einer der gefühlt tausend Coverversionen – auch als Handyklingelton musste das Ganze schon herhalten. Damit ist das wesentliche Problem schon angesprochen: mag die elektronische Version, die MiM abliefern auch durchaus erfrischend sein, gegen den Mief der Jahre (das Original stammt aus dem Jahr 1969!) kommt sie nicht mehr an, zu totgespielt ist der Track.
Da hilft es mir auch wenig, dass sich die Single des Liedes in den DAC platzieren konnte.
Um so angenehmer wird’s danach mit „Das Modul des Schreckens (feat. Jessica Trelford)“. Wieder ein Lied, dass sich zwischen andächtiger Stimmung und Tanzflächenmagnet nicht so recht entscheiden kann – und dem ich diesen „Nachteil“ gerne verzeihe. Gerade für diese Vereinigung von Gegensätzen scheinen MiM ein wirkliches Händchen zu haben, so dass sich die aufpeitschenden Passagen wunderbar in die ruhige Rahmung fügen. Kompliment.
Mit „Hello Hello“ wird wieder ein Klassiker aufgegriffen und in ein neues Gewand gepackt. Auch wenn ich die gesangliche Umsetzung des Covers gelungen finde (Lars Falks Stimme kommt für heutige Ohren doch recht gewöhnungsbedürftig rüber), so gefällt mir die instrumentale Untermalung des Originals doch noch einen Tacken besser.
„Ich bau dir eine Pyramide“ bricht stilistisch doch erkennbar mit den bisherigen Tracks. Neue Deutsche Welle trifft S.P.O.C.K., so könnte man es vielleicht umreißen. Auch an Welle:Erdball kann man durchaus denken.
„Friday Afternoon“ hat mich erst mal stutzen lassen. Denn irgendwie passt der reine Instrumentaltrack nicht so recht ins Album – oder zumindest nicht ins Mittelfeld desselben. Wäre er noch einen Ticken langsamer, so würde das Teil in mancher Lounge wohl auf und ab dudeln. Um nicht falsch verstanden zu werden: der Titel hat durchaus seinen Reiz, reißt aber nicht vom Hocker.
„Scharlatan“ dürfte die Massen dann wieder auf die Tanzfläche ziehen. Die Kombination aus gesellschaftskritischem Text, kräftigen Beats, Sprachsamples und der Unterstützung des Endanger-Sängers Rouven Walterowicz klappt prächtig.
Und auch „Der Drops ist gelutscht“ kracht mit seiner Mischung aus fetten Beats, Dubstep und minimalistischem Gesang so richtig rein. Ein Fest für die Freunde aus der EBM-Fraktion.
Wenn sich ein Track schon „Tanzmusik“ nennt, so bildet sich natürlich eine entsprechende Erwartungshaltung. Erfreulich, dass die hier erfüllt wird. Nach dem einleitenden Honecker-Sample, das im Verlauf des Songs immer wieder aufgegriffen wird, beginnen auch schon die Beats zu stampfen. Wenn Erich das geahnt hätte...
Den Abschluss kündigen „November“ und „Vajont“ an - beides im Vergleich recht ruhige, nachdenklich stimmende Tracks. Nachdem gerade zu Beginn des Albums Anna-Maria Straatmann ihre Qualitäten zeigen kann, darf das hier auch Daniel Logemann. Was er – wie man gerade in November merkt – auch mit Bravour meistert.
An vorletzter Stelle auf der Scheibe findet sich schließlich auch das titelgebende „Cortex Zero (feat. Reiner Schöne)“. Stimmungstechnisch wird’s auch hier düster, wenngleich sich der Track mit seiner energetischen Elektrolastigkeit und saftigen Beats von den beiden vorherigen Tracks deutlich abhebt.
Das Schlusslicht bildet dann ein Remix des eigenen „The Way to Oblivion“, der dem Track eine spürbare elektronische Infusion spendiert und sich damit deutlich vom Original abhebt.

Insgesamt ein äußerst gelungenes Album, dem ich vor allen für den Abwechslungsreichtum dankbar bin. Auch die Verbindung von ruhigen und energetischen Passagen innerhalb der Lieder klappt wunderbar. Den einen oder anderen Track empfand ich zwar etwas zu ausgedehnt und manches Sample einen Ticken zu häufig bemüht, doch das sind – ebenso wie die manchmal eigenwillige Anordnung – kleinere Schönheitsfehler, die man gern zu verzeihen bereit ist.

9/10

KoJe






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