Reviews

Gilgamesh
Another Fine Tune You've Got Me Into

Label: Esoteric Recordings (1978/2009)

Unglaublich, welche musikalischen Schätze die Damen und Herren von Esoteric Recordings noch heben! Nachdem sie sich schon unsterbliche Verdienste angehäuft haben wegen der wundervollen Man Reissues, Spooky Tooth und dem gesamten Hawkwind Katalog ab 1976, legen sie sich auch bei den abgefahrensten Canterbury Raritäten ins Zeug, dass es nur so eine Freude ist. Reine Metaller gehen jetzt bitte direkt zur nächsten Rezension über, da es hier nichts für sie zu holen gibt. Auch Punks sind hier reichlich falsch. Solltest Du, lieber Leser, aber ein offenes Ohr für älteren Progressive Rock haben, dann mach Dich auf wundervolle Musik jenseits aller Genregrenzen gefasst.

Gilgamesh waren der Versuch prominenter Musiker aus der sogenannten Caterburyszene, eine künstlerisch befriedigende Fusion aus Avantgarde, Jazz und knackigem Rock zu zaubern. Leider war die Band zeitlebens sehr instabil und kam während der insgesamt etwa sechs Jahre ihres Bestehens nur zu einer handvoll Auftritte. An der musikalischen Qualität kann es nicht gelegen haben, da alle beteiligten Musiker Vollprofis und anerkannte Komponisten und Arrangeure waren. Sie hatten sich auch schon in den Dienst so unterschiedlicher Formationen wie Soft Machine, National Health und Hatfield And The North gestellt und besaßen Querverbindungen zu Caravan und Camel. Keine schlechten Referenzen also. Das Problem bestand vielmehr darin, dass es Alan Gowen, der 1982 an Leukämie verstorbene Keyboarder und Kopf der Band, nie vermochte, ein stabiles Lineup auf die Beine zu stellen.

Daraus ergaben sich ständige Probleme des Geldes wegen und das führt nie zu dauerhaften Verhältnissen. "Another Fine Tune You've Got Me Into" war die zweite und letzte Veröffentlichung dieser starken Band und liefert - trotz schwierigster Umstände in einem defekten Tonstudio aufgenommen - locker und flockig klingende Jazzstücke, die trotz höchster kompositorischer Komplexität so federleicht klingen, als handelte es sich dabei mitnichten um Kunst. Und genau dies machte die Band so unverwechselbar! Es gibt aus dem gleichen Zeitraum dutzende erfolgreichere Bands aus dem Fusionsektor, die nicht halb so souverän über die Runden kommen. Daher habt ihr nun die völlig unverdiente Chance, diese tolle Platte erneut für euch zu entdecken. Leider war kein Bonusmaterial vorhanden, daher bleibt es bei einer Gesamtspieldauer von knapp 38 Minuten.

Trotzdem gilt: Wer schon immer Return To Forever gemocht hat - oder National Health und Soft Heap (allerdings ohne Saxophon, dafür mit Gitarre), der wird sich auch an Gilgamesh erfreuen können (übrigens nach einem der ältesten schriftlichen Epen der Menschheitsgeschichte benannt...). Beide Daumen hoch für diesen mutigen Rerelease, da immerhin schon das Original 1978 nur unwesentliche Stückzahlen verkaufen konnte! Aber wenn Masse mit Klasse identisch sind, dann gehört Dieter Bohlen auch zu den besten Musikern aller Zeiten - und das kanns ja wohl wirklich nicht sein, oder? Eben!

Frank Scheuermann






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