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Section X

Label: Massacre Records (2005)

Nachdem Jorn Lande Beyond Twilight verlassen hat, um mit den Durchstartern Masterplan sein Glück zu versuchen, war die Zukunft der Nordländer für die Fans des Debüts „The Devil´s Hall Of Fame“ recht ungewiß. Der bekannte Wundersänger war weg und würde angesichts des riesigen Erfolgs mit Masterplan auch nicht so schnell zurückkehren. Was also tun? Band auflösen und sich mit einem ehrlichen Job die Brötchen verdienen? Oder einfach einen neuen Wunderknaben suchen und die 2. Scheiblette einspielen. Eine Entscheidung wurde gefällt und das Resultat hört auf den Namen „Section X“. Mit Kelly Sundown Carpenter konnte man tatsächlich einen Sänger verpflichten, der Jorn in nichts nachsteht und eine ebenso kräftige und markante Stimme besitzt, so dass jeder Fan des Erstlings erst mal beruhigt aufatmen kann. Er schafft es spielend, den von Keyboarder Finn Zierler komponierten Songs seinen eigenen Stempel aufzudrücken und beherrscht dabei alle Stimmlagen spielend.

Die Songs selber könnte man als eine progressive und ziemlich düstere Masterplan-Version bezeichnen. Progressiv in dem Sinne, dass die Songs wesentlich vertrackter ausfallen als die Kompositionen eines Roland Grapow und erst bei wiederholtem Hören den direkten Weg in die Ohrmuschel finden, dann aber eine haftende Wirkung entwickeln. Beste Beispiele sind die Einsteiger ‚The Path Of Darkness’ und ‚Shadow Self’. Das abgedrehte ‚Sleeping Beauty’ lässt gar Einflüsse wie Queen erkennen und verwirrt den Hörer mit von Klavier begleitenden abgefahrenen Parts, um dann im Refrain eine totale Sonnenfinsternis zu entwickeln, was diese 7minütige Soundlandschaft zu einem anstrengenden, aber nach mehrmaliger Einfuhr genialen Werk macht. Sollte Finn Zierler, wie im Beipackzettel erwähnt, seine Songs tatsächlich unter Wasser, auf Londons dunklen Straßen oder in einer dunklen Zelle komponiert haben (wie geht das denn ohne Strom und ohne Luft?), so kann man das gerade anhand des genannten Songs am besten nachvollziehen.

Der Wahnsinn aber geht mit dem folgenden ‚The Dark Side’ noch eine Stufe weiter, zeigt dieser doch einmal mehr eine gewaltige Düsternis, die mit den gesprochen Wörtern bestens zur Geltung kommt. Scheint wohl der dunkle-Zellen-Song zu sein, in freundlicher Helligkeit kann er wohl nicht entstanden sein. Der Wasser-Song folgt dann mit ‚Portrait F In Dark Waters’, einem Klavierstück, das das unglaubliche Talent Zierlers zur Geltung bringt, mit dem er sich keineswegs hinter den großen zu verstecken braucht. Nach diesen „Extrem-Situationen“ geht die Reise dann auch wieder zurück ins Tal des wahren Stahls; oder sollte man besser sagen: einem neuen Höhepunkt entgegen? Der Titel ‚Ecstasy Arise’ ist programmatisch für das geile Stück Musik, das einem nach der ganzen Anstrengung serviert wird; geniale Melodien, Hammer-Gesang, Gitarrentechnik vom Feinsten!Wer bis hierhin durchgehalten hat und noch immer aufnahmefähig ist, hat mit dem titelgebenden abschließenden Paukenschlag die Gelegenheit, zu erfahren, wie man Bands wie Dream Theater möglichst schnell des Platzes verweisen kann. Was in diesen knapp 10 Minuten an Progressivität aus den Boxen platzt, verfeinert von gottgleichen Vocallines, steht meterhoch über dem heute allgemeinen Standard des Progressive Metal.

Lange Zeit gab es keine CD mehr, die mich immer wieder vor die Boxen gefesselt hat, auf der Suche nach zuvor noch nicht entdeckten Dingen. Man kann ‚Section X’ hundertmal am Stück hören und findet trotzdem immer wieder neues. Wahnsinnsteil!

Michael Meyer






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