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Into The Now

Label: Soulfood Music (2004)

Gibt es etwas geileres als zwei Les Pauls über Marshall Stacks? Dazu Wah-Wah-Pedals, gelegentliche Talk Box und einen Sänger der Preisklasse Steven Tyler? Dazu eine Rhythm Section die so groovt, dass man schier nicht glauben möchte, dass Hardrock dieses Formats im Jahre MMIV noch aufgenommen wird! Dabei waren die Erwartungen gegenüber der neuen Scheibe exorbitant hoch, hatte man doch in den 80er und 90er Jahren ausschließlich brillante Songs aufgenommen und war vor dem vorübergehenden Split Mitte der 90er eines der Aushängeschilder des traditionellen Hardrock. Auch die Reuniontour in Originalbesetzung im Jahre 2002 und die dabei mitgeschnittene Doppel CD „Replugged Live“ ließen die Erwartungen ins Unermessliche schießen. Das konnte doch nur schiefgehen! Bei diesen Erwartungen kann man doch nur enttäuscht sein!

Nun liegt mir dieser Silberling vor und ich muss zugeben, dass meine Skepsis glücklicherweise zu keinem Zeitpunkt angemessen war! Von den ersten Takten der Eröffnungsnummer ,Into The Now’ an wird deutlich: wo Tesla drauf steht ist auch wirklich Tesla drin! (Gut das stimmte auch bei Bar 7 größtenteils, bei denen sich immerhin mit Skeoch und Keith zwei der wichtigsten Tesla-Mitglieder Anfang des neuen Jahrtausends ihre Brötchen verdienten...). Kräftig und derb abrockende Passagen mit dem klassisch warmen Gibsonsound wechseln sich mit akustischen und sensiblen Teilen ab um in tollen Hooklines zu münden. Nach mehrmaligen Durchläufen kann ich durchaus bescheinigen: Tesla sind die mit Abstand besseren Aerosmith. Wer dies bezweifelt, der höre sich einmal die phänomenale Halbballade ,Words Can’t Explain’ an, die es schafft, jenseits von ,Crazy’ und ,Amazing’-Kitsch eine Gänsehaut nach der anderen zu erzeugen. Einziges Manko mag vielleicht die direkte Ankopplung von ,Caught In A Dream’ und die letztgenannte Nummer sein, da sich somit zwei reine Balladen hintereinander befinden und mit ,Miles Away’ noch ein dritter Song mit ähnlicher Tendenz anschließt. Das ändert allerdings mitnichten etwas an der Qualität dieser Songs. Mit ,Mighty Mouse’ findet sich dann wieder ein Song, der groovige Riffs mit feinen melodiösen Gesangsparts zu einem gelungenen Ganzen schmiedet. Fette Riffs mit geilem Groove sind ebenfalls das Markenzeichen von ,Got No Glory’, dem sich mit ,Come To Me’ ein Melodic Rocker anschließt, der Bryan Adams lockerst zur Ehre gereichen würde. ,Recognise’ rockt noch einmal ordentlich, während ,Only You’ noch einmal daran erinnert, welche Band es damals vor 14 Jahren war, die mit „Five Man Acoustical Jam“ die Unplugged-Welle losgetreten hat. Insgesamt eine sehr gelungene Comebackscheibe für alle, denen Aerosmith zu banal und die Black Crowes zu wenig rockig sind. Fettes Pfund!

Frank Scheuermann