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Music Machine

Label: Transmission Records (2003)

3 Jahre nach Ayreon’s Meisterwerk „Universal Migrator“-Konzeptmeisterwerk, das Mastermind und ex-Vengeance-Klampfer Arjen Lucassen damals als 2 separate Alben („The Dream Sequencer“, ein atmosphärisches, etwas an Pink Floyd angelehntes Musikereignis, bzw. „Flight Of The Migrator“, ein Power Metal-Hammer der Extraklasse) veröffentlichte, schlägt nun auch Stamm-Keyboarder Erik Norlander mit einem Konzept-Doppeldecker zu. Allerdings hat Story nichts mit Raumschiffen, entfernten Planeten und Zeitreisen zu tun, sondern orientiert sich konzeptionell eher an W.A.S.P.’s „Crimson Idol“-Epos, mit dem Unterschied, dass sich Blacky Lawless’ Schöpfung Jonathan in einem wichtigen Punkt von Norlander’s Superstar Johnny America unterscheidet: während „The Crimson Idol“ die Geschichte eines Superstars vom Nobody zum umjubelten Star erzählt, ist die Geschichte von „Music Machine“ etwas moderner angelegt: ein Musik-Megakonglomerat außerhalb Hollywoods braucht nach sinkenden Verkaufszahlen einen Superstar, der der Firma wieder zu Ruhm verhilft. Und da sich die Mühe, einen Musiker aufzubauen, nicht auszahlt, wird entschieden, einen Superstar zu kreieren; vollständige Kontrolle ist natürlich ein Muss, und bei zukünftigem Nichterfolg, bzw. bei Verlust der Kontrolle ist der Musikterminator entsorgbar. Die Story führt den Zuhörer zurück zur Entstehung Johnny America’s bis hin zu seinem Tod.

Jedes Konzept kann noch so gut sein, sollte die Musik, die die Story führen soll, jedoch nicht stimmen, geht alles den Bach runter und man entscheidet sich lieber für ein gutes Buch. Mit anderen Worten: hält die Musik von „Music Machine“, was das Konzept verspricht? Ums schon mal vorwegzunehmen, mit Konzeptmeisterwerken wie Queensryche’s „Operation Mindcrime“, W.A.S.P.’s „The Crimson Idol“, Ayreon’s „Universal Migrator“ oder Dream Theater’s „Metropolis“ kann „Music Machine“ (erwartungsgemäß) nicht mithalten, schafft es aber trotzdem, die verschiedenen Stimmungen des Konzepts dem Hörer nahe zu bringen. Erik Norlander hat ein Näschen für geniale Keyboard-, Hammond- und Moog-Sounds, und dass er spielerisch eine Menge auf dem Kasten hat, hat er bei Ayreon, bei dem Star One-Kracher „Space Metal“ und seinen letzten beiden alles andere als schlechten Solo-Platten „Threshold“ und „Into The Sunset“ auch schon beweisen können. Außerdem wird er von Wasser-im-Mund-zusammenlauf-Musikern wie Kelly Keeling, Scott Kail, Mark Boals (!) und Robert Soeterboek (Vocals), sowie Donald Roeser (Vocals, Guit.), Peer Verschuren (Guit.), Neil Citron (Guit.) und Vinny Appice (!), Gregg Bissonette und Virgil Donati hinter den Töpfen unterstützt. Daß Tony Franklin und Don Schiff den Bass zupfen dürfen, sollte dann endlich jedem Musik-Gourmet ein feuchtes Höschen bescheren.

Bevor jetzt aber jeder geifernd den Mann im Plattenladen am Kragen packt, um ihn zur Herausgabe des Silbertellers zu motivieren, sollte ich noch ein Wort in Richtung intoleranter True-Metaller (wie ich es normalerweise auch bin…hihi) brüllen: VORSICHT!!!!!!! Wer „Music Machine“ für ein Metal-Album hält, ist auf dem falschen Schiff und könnte den Fehler begehen, etwa 20 Euro zum Fenster rauszuwerfen! Lasst euch also von Lied Nr. 4 ‚Heavy Metal Symphony’ nicht in die Irre leiten! Metal ist definitiv was anderes! Wenn ich Vergleiche zu einer anderen Band ziehen müsste, würde ich eher Spock’s Beard als Dream Theater nennen. Hier regieren eher sphärische Klänge (‚Andromeda’), es gibt einige Parallelen zum Jazz, ein Song wie das ruhige ‚Lost Highway’ würde auch im Radio nicht negativ auffallen, und wie es sich für eine Prog-Scheibe gehört, dürfen natürlich auch Instrumentals und Interludes nicht fehlen.

Alle Songs einzeln aufzuzählen und zu beschreiben, würde bei dieser Menge (21 Tracks) den Rahmen sprengen. Alle Songs sind extrem abwechslungsreich aufgebaut, kein Titel klingt wie der andere, auch wenn immer wieder ein Hauptthema auftaucht, das sich wie ein roter Faden durch die Platte spinnt. Trotz der Klasse der Scheibe hätte ich mir jedoch manchmal etwas mehr Härte gewünscht, vor allem die Gitarren hätten mehr braten dürfen. Aber wollen wir mal nicht meckern, wo es eigentlich nicht viel zu meckern gibt! „Music Machine“ ist ein sehr gutes und vor allem extrem anspruchsvolles Werk geworden, das man sich am besten via Kopfhörer in die Ohren träufelt! Ein geiles Booklet mit Linernotes, Texten und schönem Coverartwork sowie eine Spielzeit von über 100 Minuten runden den positiven Gesamteindruck ab!

Michael Meyer