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Physical Graffiti

Label: Atlantic Records (1975/2015)

Eine Platte wie ein Monument. Ach was: Ein epochales Ereignis, eine Urgewalt, vielleicht das fettsete Ausrufezeichen, das jemals langhaarige Musiker irgendwo gesetzt haben!

Schon einige Bands/ Interpreten hatten zuvor schon Doppelalben auf die geneigte Zuhörerschaft losgelassen: Die Mothers Of Invention (Frank Zappa) gaben 1966 mit "Freak Out" den Startschuss, Bob Dylan zog 1967 mit "Blonde On Blone" nach, die Beatles konnten sich daraufhin 1968 auch nicht lumpen lassen und gaben das weiße Album zum besten, während dich die Rolling Stones noch bis 1972 ("Exile On Main St.") Zeit ließen. Dazwischn gab es noch "Tommy" von The Who, die zweite Rockoper der Geschichte (nach "SF Sorrow" von den Pretty Things).

Aber all diese netten Bemühungen verblassen vor der Kraft, Vielfalt und alles niederwalzenden Bedeutung, die "Physical Graffiti" zueigen ist. Weit davon entfernt, eine kruder Konzeption den Hörern aufnötigen zu wollen (wie es Yes mit ihrem überbordenden 1973er Doppel-Album "Tales From Topographic Oceans" getan hatten), stellt "Physical Graffiti" die vielleicht zwingendste Ansammlung von für sich stehenden Songs auf einem 2 Lp Werk dar.

Musikalisch wird an nichts gespart und der Abwechslungsreichtum des Vorgängers "Houses Of The Holy" noch einmal getoppt. Funkige Beats, gepaart mit sehr harter Gitarrenarbeit, treibende E-Piano-Läufe, die einem Herbie Hancock zur Ehre gereicht hätten, verbinden sich mit tonnenschweren Beats von John Bonham, wie man sie zur Auslösung der Apokalypse erwarten würde. Hier wird alles geboten: Erste Vorläufer von Ethno, treibender Hardrock, tiefster Blues mit unfassbar genialer Slidegitarre, luftige Folksongs, spaßiger Boogie und einfühlsame Balladen. Hier wird alles bedient - und das auf höchstem Niveau!

Meine persönlichen Favoriten sind "In My Time Of Dying", "Kashmir", "Trampled Underfoot", "In The Light" und "Sick Again" - aber bei der zugrundeliegenden Scheibe ist das manchmal auch von der Tagesform abhängig.

Der Sound des Remasters ist herausragend. Was die Deluxe-Ausgabe angeht, so sind die Bonustracks eher interessante Momentaufnahmen wegen der Arbeitsweise der Band als essentielle neue Werke. Aber hallo: Led Zeppelin haben damals statt einer Platte gleich zwei auf die Menschheit losgelassen. Da kann man nicht erwarten, dass noch ein Dutzend komplett unbekannter Stücke gleicher Qualität auf Halde sind.

Das Cover versucht sehr schön, die Originalausgabe der Doppel-LP mit ihrem Gimmixcover zu imitieren. Für alle Fans eine mehr als wertige Wiederveröffentlichung eines wahren Rockklassikers. Genug geschrieben: Jetzt fülle ich mir ein kühles Getränk ein und gönne mir die Scheibe bei voller Lautstärke - Familie und Nachbarn sind gerade weg, die Gelegenheit muss ich nutzen!

Frank Scheuermann

10/10






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