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Houses Of The Holy

Label: Atlantic Records (1973/2014)

Mit "IV" hatten Led Zeppelin im Jahre 1971 nahezu alles erreicht, was man als Band schaffen kann. Songs für die Ewigkeit und fast zwei Jahre ausverkaufte Konzerthallen rund um die Welt. Und was tut man, wenn man als Band alles erreicht hat? Man lässt eine Scheibe folgen, die sich deutlich vom Vorgängerwerk abhebt.

Und genau das taten Led Zeppelin mit "Houses Of The Holy". Die zum Teil sehr rohen Hardrocker von "IV" waren hier brillant durcharrangierten Songs mit wohldosierter Härte gewichen. Das musikalische Spektrum, das einst von Folk über Blues bin hin zu markigem Heavyrock reichte, wurde nun um die Nuancen Funk und sogar Reggae erweitert.

Das Cover, dem wiederum eine Aufschrift des Bandnamens fehlte, wurde dieses mal sicherheitshalber von einer Banderole mit selbigem und dem Namen der Scheibe geziert. 

Den Anfang macht "The Song Remains The Same", ein Stück, das drei Jahre später zum Titelsong der Konzertdokumentation aus dem Madison Square Garden werden sollte. Die Nummer enthält vertrackte Gitarrenarrangements und wechselt geschickt zwischen 6- und 12-saitigen E-Gitarrenpassagen ab, die Jimmy Page auf seiner legendären roten Doubleneck Gibson EDS-1275 eingespielt hat. Schnelle und ruhige Passagen wechseln geschickt ineinander verschachtelt ab. Darauf folgt mit "Rain Song" ein erstes ruhiges Stück, das sich aber gegen Ende in ein fast schon symphonisches Pathos ergeht, getragen von John Paul Jones' Mellotronarbeit. Vor allem die Fingerpickings von Jimmy Page heben den Song deutlich über den Durchschnitt anderer ruhiger Stücke seitens der Konkurrenz. Im Anschluss beginnt "Over The Hills And Far Away" ebenfalls akustisch, entwickelt sich aber nach einigen Songs ein wenig überraschend zu einem veritablen Hardrocker. Spätestens hier glaubt man sich auf sicherem Led Zeppelin-Terrain - und wird durch die James Brown Hommage "The Crunge" urplötzlich überrascht. Vor allem die E-Piano-Läufe beweisen eindrücklich, dass Funk nicht nur von optimal pigmentierten Menschn gespielt werden kann. Diesen Weg sollten Led Zeppelin später noch einen Hauch souveräner mit "Trampled Underfoot" von "Physical Graffiti" fortsetzen.

Die ehemals zweite Schallplattenseite beginnt mit "Dancing Days", einem netten kleinen Rocksong, der es allerdings nicht ganz schafft, die Spannung der ersten Seite zu halten. Mit dem, was danach folgen sollte, hätte damals bei den Led Zeppelin Fans vermutlich keiner gerechnet: "D'yer Mak'er" (sprich: Jamaica) ist ein waschechter Reggae, der sich von der handelsüblichen Ware aus der Karibik nur durch das tonnenschwere Schlagzeug abhebt. Und Robert Plants Brunftgestöhne bei diesem Song klingt fast schon nach einer Selbstparodie. Wenn der beinharte Hardrocker bis zu diesem Zeitpunkt vielleicht ein wenig irritiert war und noch nicht so recht einordnen konnte, ob er denn "Houses Of The Holy" (dessen Titelsong übrigens erst auf "Physical Graffiti" veröffentlicht werden sollte!) mögen könnte, der wurde mit dem nächsten Stück förmilch weggeblasen. "No Quarter" ist ein atmosphärisch dichtes Stück Musik, wie es selbst Led Zeppelin nicht oft hinbekommen haben. Mystisch, geheimnisvoll und von einer Stimmung sanften Grauens getrieben steigert sich dieser Song zu einem Höhepunkt an schleppendem Hardrock. Ein wahres Meisterwerk düsteren Musikschaffens, das selbst Doommetal wie Kirmesmusik klingen lässt. Vor allem die von John Paul Jones gespielte Orgel verbreitet ein dermaßen dämonische Flair, dass man sich kaum traut, das Stück im Dunkeln zu hören.

Um dem Hörer nach all dieser Schwere und dem wohligen Grusel einen fröhlichen Abschied von der Scheibe zu gewähren, schließt sich mit "The Ocean" ein beschwingter Rocker mit einem lustigen "Lalala"-Zwischenteil an.

"Houses Of The Holy" ist für mich unterm Strich nur einen kleinen Hauch weniger gelungen als "IV", aber das liegt weniger an den Songs. Vielmehr hat mich schon immer die Produktion hinsichtlich des Gesangs gestört. Robert Plants Stimme klingt nämlich sehr dünn und quietschig. Wenn man die zeitgenössischen Konzertmitschnitte hört, kann man fast nicht glauben, dass es sich um den gleichen Sänger handelt. 

Und das Bonus Material? Wie auch bei "IV" gilt, dass die Remixe und work in progress Versionen nicht wirklich so essentiell sind, aber für den Preis nimmt man das mit. Lediglich vom Reaggae "D'yer Mak'er" fehlt eine Alternativversion.  Ein Konzert aus der Epoche in voller Länge wäre natürlich feiner gewesen oder am besten unveröffentlichte Songs - aber da scheint nicht mehr viel zu gehen. Das Artwork schließt sich komplett an das der gesamten Reihe an und wird daher alle erdenklichen Reaktionen hervorrufen - von Freude über die schönen Digipaks bis hin zu Verärgerung darüber, dass die CDs mal wieder ungeschützt in der Pappe stecken. Ich persönlich mag das. Und die authentischen Banderole wird vermutlich genauso schnell einreißen, wie die damals bei meiner LP..... Also eine Situation mit "Vintage"-Wert..... :-)

Frank Scheuermann

10/10