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A Passion Play - An Extended Performance

Label: Rhino Records (1973/2014)

Jethro Tull sind eine lebende Legende. Daran hat vor allem ihr Output der späten 60er und frühen 70er Jahre einen erheblichen Anteil. Mit "This Was" konnten die Mannen um Ian Anderson 1968 ein erstes Zeichen setzen, mit "Stand Up" 1969 vermochte man locker noch einen draufzusetzen. Danach kam das sträflich unterbewertete "Benefit" von 1970. Das vierte Werk "Aqualung", das zeitgleich mit "Led Zeppelin IV", quasi Tür an Tür 1971 entstand, gilt als der größte Klassiker der Band. Anschließend begab sich Ian Anderson in Progressive Rock Gefilde, die ja eigentlich schon früher, durch die Verquickung von Heavy Rock, Folk, Blues, Jazz und sogar klassische Elemente, längst auf der Hand gelegen hatten. Daraus entstand das epochale Werk "Thick As A Brick", das anno 1972 nur einen Song, verteilt auf zwei Schallplattenseiten enthielt. Trotz der langen Spielzeit war dieses Werk geradezu unfassbar eingängig mit seinen verspielten Harmonien und lieblichen, refrainartigen Elementen. Fast überall landete die Band damit auf der Poleposition der Charts - nicht schlecht für ein ambitioniertes Werk!

Doch wie sollte es nun weitergehen, nachdem man quasi alles durch hatte? Jethro Tull mieteten sich aus Steuergründen ins Chateau d'Herouville ein, ein französisches Landschloss, das einmal Frederic Chopin gehört hatte und in welchem sich ein modernes Studio befand, in dem schon Leute wie Elton John, Cat Stevens oder Uriah Heep aufgenommen hatten. Jethro Tulls Aufenthalt in diesem Schloss hätte aber sofort als Blaupause für Spinal Tap dienen können, da wirklich alles schief ging, was bei einer Band nur schief gehen kann: Von der klassischen Lebensmittelvergiftung bis hin zu versehentlich gelöschten Bändern schon fertiger Songs war die ganze Palette an denkbaren Pannen vertreten Und vermutlich noch die eine oder andere unvorstellbare... :-)

Genervt gab die Band schließlich auf und mietete sich in ein anderes Studio ein, um ein komplett anderes Werk zu erschaffen. Die sogenannten "Chateau D'Isaster"-Tapes verschwanden im Archiv. Dieses neue Werk sollte, was die Ambitionen betrifft, "Thick As A Brick" noch weit in den Schatten stellen. Es ging um nichts weniger als das Leben, den Tod und das Sein in seiner ganzen zuweilen absurden Erscheinungsform und hörte auf den Namen "A Passion Play". Bei seinem Erscheinen erschreckte es wegen seiner viel größeren musikalischen Komplexität als sie noch bei "Thick As A Brick" zu finden war selbst einige hartgesottene Fans. Dazu kam, dass Ian Anderson auf "A Passion Play", das damals auch nur als ein Song komponiert war, nicht nur akustische Gitarre und Flöte spielte, sondern auch noch Saxophon, was eine eher ungewohnte Klangfarbe ins Bandgefüge einbrachte und somit manchen Hörer überforderte. Die Lieblichkeit der meisten "Thick As A Brick" Passagen sucht man bei "A Passion Play" vergebens, alles ist schroffer, Teile des Epos sind zuweilen ohne verbindende Stücke direkt miteinander konfrontiert, so dass ich mich beim Anhören immer eher an Frank Zappas "Lumpy Gravy" als an ein anderes Jethro Tull Album erinnert fühle. Trotzdem erschließt sich "A Passion Play" dem Hörer nach einigen Durchläufen und wird dann, wenn man sich ein bewusstes Zuhören gönnt, zu einem wirklichen Gewinner in der Sammlung.

Die neue Ausgabe der CD als Box mit zwei CDs und zwei DVDs beinhaltet neben einem verdammt guten Remaster auch Aufnahmen aus den berüchtigten Chateau d'Herouville Sessions, allerdings zum Teil andere als schon 1993 auf "The Night Cap" veröffentlicht worden sind, daher muss der Fan hier noch einmal zuschlagen. Der ursprünglich eine Song in zwei Teilen wurde vermutlich der großen Sperrigkeit wegen in 15 leichter anhörbare Teile zerlegt. Dafür zeichnet wohl Porcupine Trees Steven Wilson verantwortlich, der dieses Projekt geleitet hat. Auf den beiden DVDs befinden sich die gleichen Aufnahmen in verschiedenen audiophilen Versionen (dts; 5.1 etc.), die allesamt eine intensivere räumliche Abbildung der Musik ermöglichen und die wirklich vortrefflich gelungen sind. Dazu gibt es noch den Kurzfilm "The Story Of The Hare Who Lost His Spectacles", der deutlich den an Monty Python erinnernden absurden Humor der Band in der damaligen Zeit zur Schau stellt und somit einen wundervollen Kontrast zur fast schon existenzialphilosophischen Ausrichtung der"A Passion Play" betitelten Platte darstellt. Das Ganze kommt in einem sehr schönen Digibook mit unglaublich umfassendem Buch und ist extrem wertig ausgestattet.

Fans von Jethro Tull sollten sich das nicht entgehen lassen, Menschen, die auf sperrigen Progressive Rock stehen ebenfalls nicht.

Frank Scheuermann

9/10